Gelungene Jahn-Feier beim Internationalen Deutschen Turnfest in Berlin

Die Jahn-Feier beim Deutschen Turnfest 2017, ausgerichtet von der Jahn-Gesellschaft, verlief harmonisch und wurde allseits gelobt. Die Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey und DTB-Präsident Dr. Alfons Hölzl sprachen Grußworte, DTB-Ehrenpräsident Rainer Brechtken hielt die Festansprache, die überzeugte und mitriss. Jahn könne in seiner Widersprüchlichkeit zwar nur aus seiner Zeit heraus wirklich verstanden werden, aber das, was er schuf, sei als absolut modern und zukunftsorientiert einzustufen: Was 1811 in der Hasenheide seinen Anfang nahm, zeigt sich heute in ausgeprägter Vielseitigkeit und in einer Vereinslandschaft, die in Deutschland und Österreich fast 30 Millionen Menschen erfasst hat.

 

Der Wiener Akademische Turnverein sorgte für die musikalische Umrahmung der Feier, stiftete eine neue Erinnerungstafel für das Jahn-Denkmal und legte einen Kranz nieder. Zu Beginn hatte Hansgeorg Kling, Präsident der Jahn-Gesellschaft, die etwa 130 Interessierten, die gekommen waren, begrüßt.

 

Inzwischen ist das Deutsche Turnfest 2017 in Berlin Geschichte. Es war ein großes Fest, bunt, fröhlich, vielseitig. Wiederum war es stark von der Jugend geprägt, sozusagen besitzergreifend: Im Stadtbild waren die Teilnehmer während der ganzen Woche nicht zu übersehen. Zudem gab es Angebote, die Berlin selbst und insbesondere die Schulen aktivierten („Berlin turnt bunt“).

 

Als die Verantwortlichen Bilanz zogen, war zu recht von einem „Fest der Superlative“ die Rede: 80 000 Teilnehmende aus 3200 Vereinen, davon 3500 ausländische Gäste. 166 Schulen dienten dem Übernachten, 50 000 Wettkämpfer traten an, davon allein mehr als 15 000 im Wahlwettkampf. Seitens der hohen Politik gab es höchstes Lob für das Turnen und für die Tätigkeit seiner Vereine: von Bundeskanzlerin Merkel bei der Stadion-Gala ebenso wie von Innenminister de Maiziere beim Flatow-Festakt und von Bundesministerin Zypries beim Festakt zur Eröffnung des Turnfestes.

 

Kg.

Internationales Deutsches Turnfest 2017 in Berlin

Dokumentation

 

Grundsatzaussagen zu Turnen und Sport

 

Beim großen Turnfest in Berlin Anfang Juni gab es zwei bemerkenswerte Grundsatzaussagen, insbesondere zum Verhältnis des DTB zum "Turnen" und zu dem, was "Turnbewegung" genannt wird. Diejenige von Rainer Brechtken, Ehrenpräsident des DTB, wurde bei der Jahn-Feier in der Hasenheide gehalten, diejenige von Bundesministerin Brigitte Zypries beim Festakt zur Eröffnung des Turnfestes.

 

Rede anlässlich der Jahn-Feier auf der Hasenheide in Berlin

 

 

Rainer Brechtken, DTB-Ehrenpräsident

 

Mittwoch, 7. Juni 2017

 

Im Vorfeld zu dieser Gedenkfeier ist in der Presse die Frage aufgeworfen worden: Welches Verhältnis hat der DTB zu Jahn? Unsere Antwort: Wir sind dankbar, sachlich und kritisch. Wir vermeiden dabei die Kardinalfehler in der Auseinandersetzung mit historischen Persönlichkeiten.

 

Der erste dieser Fehler ist der der Arroganz: Es werden Aussagen und Handlungen aus der Umbruchzeit des 18. und 19. Jahrhunderts aus der gesicherten Position des Heute, der pluralistischen, freien Demokratie des 21. Jahrhunderts beurteilt. Es wird übersehen, dass Aussagen und Handlungen in Ihrem historischen Kontext beurteilt werden müssen. Der zweite Fehler: Die historische Figur und ihre Aussagen werden als Steinbruch zur Untermauerung der eigenen Ideologie – die mit dem historischen Hintergrund nichts zu tun hat – verwendet. Diese Form lässt sich gut belegen im Vorfeld des Krieges von 1870/1871, im Kaiserreich und Ersten Weltkrieg, dann in der Nazi-Diktatur, aber auch in der DDR.

 

Unsere Herangehensweise blendet den historischen Kontext nie aus. Mein Dank gilt der Jahn-Gesellschaft, gegründet als Verein der Traditionspflege, die heute diese kritische, historische Auseinandersetzung in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit stellt.

 

Doch zurück ins Jahr 1811 und auf die Hasenheide: Jahn und seinen Mitstreiter geht es um zwei wesentliche Elemente in der Diskussion um die Bedeutung der körperlichen Bewegung. Einerseits sind es die pädagogischen Absichten: Bewegung in der Erziehung. Hier greift Jahn die Ansätze der Philanthropen (u.a. Basedow und Salzmann) auf: Sie sahen im harmonisch ausgebildeten Menschen, der tatkräftig, selbstbewusst, geistig und körperlich gleichermaßen erzogen ist, das Idealbild ihrer fortschrittlichen Bestrebungen. Insbesondere GutsMuths hat Jahn beeinflusst. Sein Buch „Gymnastik für die Jugend“ hat grundlegende Bedeutung für die Körpererziehung. Unter dem Begriff Gymnastik fasste GuthsMuths alle bedeutsamen Körperübungen zusammen. Es ging ihm um Kraft, Ausdauer, Gewandtheit und in unmittelbarer Verbindung damit um Willensstärke. Er verlegte die Körpererziehung in die Natur. Seine Devise: „Erziehung gedeihet am besten im Schoße der Natur“.

 

Der andere, der zweite Ansatz ist der politischen Situation geschuldet: Deutschland, in Kleinstaaten zersplittert, ist von Napoleon besetzt. Die Stärke Frankreichs ist auch Ergebnis eines starken Zentralstaates. In seiner 1808 verfassten Schrift „Deutsches Volksthum“ (1810 erschienen) skizziert Jahn erstmals einen entschiedenen Nationalismus. 1810 gründet er mit Freunden den geheimen Deutschen Bund zur Befreiung und Einigung Deutschlands.

 

Am 19. Juni 1811 begann auf der Hasenheide das öffentliche Turnen. Er nimmt die Ideen GutsMuths auf, entwickelt sie weiter. Wobei er mit „Turnen“ die Gesamtheit aller Leibesübungen meint. Geräteübungen wurden weiterentwickelt und durch Spiele, Schwimmen, Fechten und Wandern ergänzt. 1816 ist dies alles zusammengefasst in Jahns Buch (mit Ernst Eiselen) “Die Deutsche Turnkunst“.

 

Für Jahn war Turnen eine körperliche Betätigung für jedermann mit einem durchaus wehrpolitischen Nutzen. Er sah das Turnen in engem Zusammenhang mit politischen Zielen: der Befreiung Deutschlands von der napoleonischen Herrschaft, der Idee eines künftig einheitlichen deutschen Reiches und der Teilnahme der einzelnen Staatsbürger am Wohl und Wehe des Ganzen. Diese Grundüberlegungen haben zu Prinzipien auf der Hasenheide geführt, die noch heute die wesentlichen Prinzipien des Sportsystems sind:

  • Selbstorganisation des turnerischen Angebots auf der Hasenheide, keine Vorgaben durch staatliche Organisationen. Heute nennen wir das bürgerschaftliches Engagement.

  • Angebot an alle (damals: nur der männliche Teil der Gesellschaft ), ohne sozialen Schranken.

  • Demokratische und solidarische Strukturen auf dem Turnplatz.

 

Nach der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht von Leipzig fordert Jahn: freie Rede, Verfassung des Vaterlandes und Einheit des Vaterlands. Aber schon rückt das Jahr 1819 nahe: Im Zuge der Restauration (Wiener Kongress) wird die Turnbewegung verboten und Jahn verhaftet; sechs Jahre seines Lebens lebt er im Gefängnis. Erst 1842 wird die „Turnsperre“ aufgehoben. Jahn wird 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche gewählt. Dort engagiert er sich für Ruhe und Ordnung und für die Idee eines preußischen Erbkaisertums. Allerdings ist hervorzuheben, dass er beispielsweise bei der Frage des Wahlrechts eine fortschrittliche Position einnahm.

 

Für uns stellt sich die Frage: Was hat von den Ansätzen Jahns überdauert und was muss heute neu bedacht werden?

Unzweifelhaft ist der Gründungsimpuls von 1811 - Selbstorganisation, Angebot für Alle und demokratische Prinzipien - für Turnen und Sport in Deutschland nach wie vor prägend.

 

Der weitere wichtige Impuls des von GutsMuths und Jahn ausgehenden Turnens ist die Vielfalt mit ihrem stark gesundheitlichen und erzieherischen Ansatz. Sie vor allem hat die Turnerbünde geprägt. Kinderturnen als vielseitige Grundlagenausbildung und die Vielfalt der entwickelten Fitness- und Gesundheitsangebote (im DTB: „Gymwelt“) sind Schwerpunkte des Angebots. Deshalb ist der DTB heute der größte Kinderverband und der größte Frauenverband (70 % der 5 Millionen. Mitglieder sind Frauen und Mädchen).

 

Die politische Weltlage hat sich, wie wir alle wissen, seit Jahn fundamental verändert. Die Welt ist heute globalisiert. Wir sind politisch und wirtschaftlich eng verflochten. Krisen in einer Weltregion schlagen unmittelbar auch auf unser Land durch. Der Konkurrenzdruck und der damit verbundene Anpassungsdruck zwingen uns ständig zur Veränderung. Die Antwort darauf kann nicht der Rückzug auf den Nationalstaat sein. Es geht um die internationale Gestaltung der Verhältnisse. Die ist aber nur im Verbund mit den europäischen Partnern möglich. Was für Jahn Anfang des 19. Jahrhunderts in der damaligen Situation der Nationalstaat war (Beseitigung der egoistischen Kleinstaaterei, um nach außen verteidigungsfähig zu sein), ist heute die Union der Europäischen Staaten.

 

In Zeiten fundamentaler Veränderungen braucht die Gesellschaft Orte der Heimat. Dies sind unsere Vereine! Sie sind „Kitt“ für unsere Gesellschaft. Auch damit sind wir wieder bei Jahn.

 

Europa ist auch ein Friedensprojekt. Die Verirrungen des Nationalstaats haben wir in den beiden letzten Jahrhunderten erfahren. Jahns Generation war im Befreiungskrieg, ihre Kinder und Kindeskinder im Krieg 1870/71. Mein Großvater im 1. Weltkrieg und mein Vater im 2. Weltkrieg. Ich bin 1945 kurz nach Ende des 2. Weltkriegs geboren und damit Angehöriger der ersten Generation, die keinen Krieg erleben musste. Das Friedensprojekt Europa muss erhalten und zum Friedens- und Sozialprojekt weiterentwickelt werden.

 

In der Diktatur von 1933 bis 1945 hat sich die Turnbewegung dem Naziregime angebiedert und mit ihren Beschlüssen im Mai 1933 zur judenfreien Turnbewegung Schuld auf sich geladen. Bei einer fairen Würdigung im jeweiligen historischen Kontext lässt sich Jahn nicht als Vorbereiter für diese Verirrungen der Turnbewegung heranziehen.

 

Die Antwort Deutschlands nach 1945 war das Grundgesetz. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Tragender Konsens ist: Freiheit, Vielfalt und Respekt im Inneren und Frieden nach außen sowie Verankerung im europäischen Haus. Dies ist auch die Handlungsmaxime des DTB.

 

Damit beantworte ich nochmals die Anfangsfrage, die Frage nach dem Verhältnis des DTB zu Jahn: Kritischer Respekt und Dankbarkeit, aber keine naive Heldenverehrung. Wir, die Turnbewegung, müssen im Wissen um unsere Geschichte und unsere Fehler, auch als Teil der heutigen Gesellschaft die Zukunft gestalten.

 

 

Festrede von Bundesministerin Brigitte Zypries

 

 

 

beim Festakt zur Eröffnung des Internationalen Deutschen Turnfestes

 

 

 

Samstag, 3. Juni 2017, 16.00 Uhr



(Anrede)



Es ist mir eine Ehre, zur Eröffnung des Internationalen Deutschen Turnfestes sprechen zu dürfen. Seit dem letzten Turnfest vor vier Jahren in der Metropolregion Rhein-Neckar hat sich in der Welt einiges verändert.

 

Die Verschiebungen in der Politik spielen in diesen Tagen eine große Rolle. Aber auch die Digitalisierung hat große Fortschritte in diesen vier Jahren gemacht – unsere ganze Gesellschaft ist davon betroffen. Darüber rede ich normalerweise – heute geht es um den Deutschen Turner-Bund und wie er, wie Sie mit Veränderungen umgehen. Meine These: Für Sie sind Veränderungen eine Selbstverständlichkeit.

 

Seit seiner Gründung stand der DTB im Spannungsfeld von Traditionspflege und Modernisierung", schrieb Gertrud Pfister 2011 in der Festschrift „200 Jahre Turnbewegung – 200 Jahre soziale Verantwortung". In diesem Spannungsfeld hat sich der DTB bewährt, haben Sie, die Funktionsträgerinnen und Funktionsträger und alle Mitglieder, gezeigt, wie man sich den immer neuen Herausforderungen stellt. Die eigene Geschichte mit ihren Brüchen und Kontinuitäten zu kennen, vermittelt das Selbstvertrauen, Veränderungen als Chance und nicht als Bedrohung zu sehen. Frei nach dem chinesischen Sprichwort: Wenn der Wind weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Definitiv sind Sie bei den Windmühlenbauern.

 

Lassen Sie mich eine kleine, persönliche Geschichte erzählen, die zeigt, wie die über 200 Jahre alte Bewegung des Turnens auch heute noch fasziniert. Jakob ist 14 Jahre alt. Ich kenne ihn seit seiner Geburt. Sein Bewegungsdrang hat ihn von klein auf mit verschiedenen Sportarten in Berührung gebracht. Lange Zeit begeisterte er sich für Fußball und trainierte zweimal die Woche. Mit zehn Jahren überrundete er seinen Vater beim wöchentlichen Joggen zum ersten Mal. Turnen war für ihn Schule und so beliebt wie Hausaufgaben. Tischtennis und Skateboard waren Freizeit.

 

Jetzt, seit einigen Monaten, betreibt er mit neu gewonnenen Freundinnen und Freunden einen Sport, von dem ich bis dahin nichts gehört hatte. Sie treffen sich im Freien. Im Mauerpark. Bei – fast – jedem Wetter. Sie ziehen durch das angrenzende Wohnviertel Gesundbrunnen. Ein sogenannter sozialer Brennpunkt. Sie springen über Mauern, balancieren auf Treppengeländern, lassen sich schwungvoll fallen und rollen sich über die Schulter ab. Bei Wikipedia heißt es über diese Trendsportart schon fast poetisch:

 

Jeder bestimmt seinen eigenen Weg durch den urbanen oder natürlichen Raum – auf eine andere Weise als von Architektur und Kultur vorgegeben." Und dann etwas konkreter: „Es wird versucht, sich in den Weg stellende Hindernisse durch Kombination verschiedener Bewegungen so effizient wie möglich zu überwinden. Parkour wird deshalb auch als Kunst der effizienten Fortbewegung bezeichnet."

 

Liebe Turnerinnen und Turner, da war doch was? Im Juni 1811 in der Hasenheide in Berlin. Schüler trafen sich dort an den schulfreien Nachmittagen. Bewegungsübungen im Freien. Natürliche und künstliche Hindernisse als Übungsgeräte.

 

Jakob war zunächst bei einem kommerziellen Anbieter zum Training, bevor er sich einem Turnverein, der Parkour anbietet, anschloss. Der soziale Zusammenhang hatte ihm gefehlt. Im Verein fand er ihn. Denn es macht einen Unterschied, ob man als Kunde beim Training seine Zehnerkarte abstempelt oder ob man als Mitglied dazu gehört, gegebenenfalls Aufgaben übernimmt und Gleichgesinnte regelmäßig wiedertrifft.

 

Im Programm des diesjährigen Turnfestes habe ich tatsächlich auch Parkour entdeckt – neben Slacklining und Tricking, Kendama und Pipe Juggling.

 

"Wie bunt ist das denn!" Das Motto zeigt die gewohnte Offenheit des Deutschen Turner-Bundes dem Neuen gegenüber. Auf den Boom des Freizeitsports und die Angebote des Fitness- und Gesundheitsmarktes reagierten die Vereine und erfanden sich – mal wieder – neu. Zwar steht das Kinderturnen nach wie vor im Mittelpunkt, aber die Angebote sind vom Spitzensport bis hin zum Gesundheitssport erweitert. All das wird von den 3.200 Vereinen auf dem Turnfest gezeigt.

 

80.000 Menschen werden erwartet – aktive Mitglieder und Besucher. Ihre Begeisterung, mit der sie die Vielfalt der sportlichen Betätigung vorführen, macht das Turnfest unverwechselbar. Wenn Mitmachangebote wie Handstand-TÜV neben den Deutschen Jugend-Meisterschaften im Gerätturnen und andere Meisterschaften, Rhythmische Sportgymnastik, Einrad, Trampolinturnen und Gymnastik und Tanz im Programm stehen, dann ist das gewachsene Sportkultur und entspringt keinem Marketingkonzept.

 

Das ist ein weiteres Stichwort: In der Öffentlichkeit kommen die grandiose Besonderheit des Turnfestes und die Leistungen des Deutschen Turner-Bundes über das Jahr nicht ausreichend zur Geltung!

 

Wenn man bedenkt, wie das Großereignis des letzten Wochenendes in Berlin rezipiert wurde – kein Vergleich. Das Pokalfinale des Deutschen Fußball-Bundes war praktisch weltweit im Fernsehen zu sehen. Das wird beim Deutschen Turnfest nicht der Fall sein. Meiner Meinung nach verdienen die Leistungen der Turnerinnen und Turner mehr Unterstützung und Beachtung – sowohl durch Sponsoren als auch in den Medien. Aber: Die Präsenz in den Medien hat auch eine Kehrseite. Neben der unvermeidbaren Kommerzialisierung wächst auch der Erfolgsdruck, der nichts mit sportlichem Ehrgeiz zu tun hat.

 

Wenn Sie sich die Sportverbände mit der größten Medienpräsenz anschauen, dann haben Sie mehr oder weniger genau die Verbände vor sich, die in sportliche und finanzielle Skandale verwickelt sind. Dazu will man ja auch nicht gehören!

 

Außerdem ist Folgendes zu überlegen: In dem Maße, wie Sponsoren sich finanziell engagieren, kann das Engagement der freiwilligen unbezahlten Helfer abnehmen, Sie werden nicht einsehen, dem Sport ihre Freizeit zu opfern, während andere für ihre Dienste bezahlt werden. Es erfordert daher Augenmaß, mehr Sponsoren zu gewinnen, ohne den Zusammenhalt der Turner zu gefährden. Ich bin sicher: Der DTB lässt sich nicht vom medialen Rummel um andere Sportevents verführen oder verwirren.

 

Zweifellos schaffen Sie mit dem Turnfest ein Ereignis, das hinsichtlich aktiver Teilnahme, Show und positiver Ausstrahlung seinesgleichen sucht. Herzlichen Dank all den vielen Haupt- und Ehrenamtlichen, die dies alles erst möglich machen. Es ist viel Arbeit, so etwas zu organisieren. Ein enormer Vor- und Nachlauf sind nötig. Sie haben alles großartig gelöst und es werden hoffentlich friedliche schöne Tage!

 

Die Turnbewegung reflektiert in vielerlei Hinsicht die gesellschaftliche Entwicklung. Sie hat sich entwickelt von einem nationalistischen Männerbund zur Wehrertüchtigung zu einem weltoffenen Verband mit einem Frauenanteil von 70 Prozent, der sowohl olympischen Spitzensport als auch vielfältigen Breitensport organisiert.

 

Zwei bedeutsame Entscheidungen der Turnerinnen und Turner zeigen das Gespür für historische Verantwortung: Zum einen hat der Deutsche Turner-Bund nach dem Zweiten Weltkrieg die Vereinigung der jahrzehntelang zerstrittenen bürgerlichen Turnerschaft mit den Arbeiterturnern vollzogen. Gräben überwinden, das Gemeinsame suchen. Dabei gingen die Turner voran. Und zum anderen hat im Jahr 1986 der Turnverband der DDR den Flatow-Pokal gestiftet und der Deutsche Turnerbund im selben Jahr die Flatow-Medaille ins Leben gerufen. Jeweils in Erinnerung an die jüdischen Olympiasieger Alfred und Gustav Felix Flatow, die 1933 zum Austritt aus ihrem Turnverein gezwungen worden waren und im Konzentrationslager gewaltsam zu Tode kamen.

 

Was bedeutet das?

 

Lange bevor andere Verbände, Unternehmen und staatliche Institutionen sich mit ihrer Rolle im Faschismus beschäftigten, ergriffen die Turner die Initiative. Warum erwähne ich diese Ihnen ohnehin bekannten Tatsachen? Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte schafft die Grundlage für verantwortungsvolles Handeln heute.

 

Besonders gut und verantwortungsvoll sind die Turnvereine mit der Flüchtlingskrise umgegangen. Die Turnvereine hat die provisorische Aufnahme der Flüchtlinge in Turnhallen naturgemäß besonders hart getroffen. Überall im Land mussten Turnhallen als Notunterkünfte requiriert werden. Das machte das geregelte Vereinsleben für Monate unmöglich, gewohnte Sportstunden mussten ausfallen oder an andere Orte verlegt werden.

 

Jeder von Ihnen hat ganz sicher dazu eine Geschichte aus eigener Erfahrung zu erzählen. Mit mehr oder weniger gut gelösten Konflikten. Natürlich fragte man: "Muss das sein?" Es war sicher auch mehr als ein wenig Unmut festzustellen. Aber ich habe von keinem einzigen Fall gehört, bei dem ein Turnverein sich vor den Karren der fremdenfeindlichen Populisten hat spannen lassen. Im Gegenteil. Man bemühte sich auf vielfältige Weise, das Problem der Unterbringung konkret zu lösen und unternahm Schritte hin zur Integration der Geflüchteten in die Gemeinden. Darauf können Sie stolz sein.

 

Ich möchte Ihnen dafür sehr herzlich danken: Ihnen hier persönlich und Ihren Mitgliedern. Wenn es dieses ehrenamtliche Engagement nicht gegeben hätte, hätten wir die Situation mit den geflüchteten Menschen letztes Jahr nicht bewältigt!

 

Ich wünsche uns allen eine schöne Eröffnungsfeier und allen Teilnehmern ein friedliches, fröhliches Turnfest!

 

Internationales Deutsches Turnfest

 Berlin, 3. bis 10. Juni 2017

 

Im Rahmen des Turnfestes findet an dem Ort, an dem die Turnbewegung 1811 ihren Anfang nahm, die Jahn-Feier statt:

 

Jahn-Feier

 

Mittwoch, 7. Juni 2017, 17 Uhr, Hasenheide

Ansprache: der langjährige Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), Rainer Brechtken

Ausrichter: die Jahn-Gesellschaft, unterstützt durch den Wiener Akademischen Turnverein (WATV)