Pressedienst

Der Jahn-Pressedienst ist ein Service der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft e.V. mit Sitz in Freyburg (Unstrut). Er stellt den Verbandsorganen der Landesturnverbände im Deutschen Turner-Bund und allen anderen interessierten Zeitungen und Zeitschriften Artikel zu Themen des Turnens und der Turngeschichte (unter besonderer Berücksichtigung von Beiträgen über Friedrich Ludwig Jahn) zum Nachdruck zur Verfügung. Der Nachdruck ist kostenfrei und genehmigungsfrei. Unter dem Artikel ist der Vermerk [Jahn-Pressedienst] aufzunehmen. Um ein Belegexemplar wird gebeten. Die vom Jahn-Pressedienst veröffentlichten Artikel werden unter Pressedienst auf der Homepage der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft zum Herunterladen archiviert und können auch zu einem späteren Zeitpunkt verwendet werden.

 

Unsere Kontaktadresse: Jahn-Pressedienst, Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft e.V., Schlossstraße 11, 06632 Freyburg/Unstrut, Telefon 034464 27426, E-Mail Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Buchbesprechung

Josef Ulfkotte: Briefe von Friedrich Ludwig und Emilie Jahn an Wilhelm Lübeck 1835 – 1876

Mit der jetzt vorgelegten Veröffentlichung über den „späten“ Jahn schließt die Wissenschaft, die sich mit dem Schöpfer des Turnens auseinander setzt, erneut eine Lücke: Die Jahre nach 1819, also nach der wirkungsmächtigsten Zeitspanne seines Lebens in Berlin (1809 bis 1819) bis zu seinem Tod im Jahre 1852, galten bisher als vermeintlich ungeschichtlich und umrissen das Bild eines unpolitischen und öffentlich nicht mehr wirksamen „Turnvaters“.
Die Briefe, die Ulfkotte in dieser Edition zusammengestellt hat, zeigen, dass Jahn in seiner zweiten Lebenshälfte, die er mit den Unterbrechungen in Kölleda (Zwangsaufenthalt, 1829-1836) und Frankfurt (1848/49, Tätigkeit als Abgeordneter) in Freyburg an der Unstrut verbrachte, durchaus an der weiteren Entwicklung des Turnens interessiert war und sich mit seiner Meinung Gehör zu verschaffen suchte. Er pflegte vielfältige Kontakte, die seine Einstufung als einen erfolgreichen Netzwerker rechtfertigen. Jahns Freyburger Jahre können jetzt genauer analysiert werden.

Der 1809 geborene Wilhelm Lübeck, seit 1828 Schüler Eiselens, hatte für das Weiterbetreiben des Turnens in den Jahren der „Turnsperre“ dadurch besondere Bedeutung, dass er in Berlin viel für das nicht öffentliche Turnen leistete (entscheidend war ja, dass das 1819 als staatsgefährlich verbotene Turnen nicht für politische Zwecke instrumentalisiert wurde): In Kooperation mit den Behörden gab es nicht nur Privat-Turnanstalten, sondern auch einen von der Regierung gewollten und geförderten Turnunterricht in den Schulen. Das sind Aktivitäten, bei deren Betrachtung die Turnhistoriker bisher weitgehend Ernst Eiselen am Wirken sahen, bei deren Verfolgen Lübeck aber seit 1829 ein wichtige Rolle spielte; sowohl als Turnlehrer, als einer, der selbst Turnlehrer ausbildete, als derjenige, der 1843 das „Lehr- und Handbuch der deutschen Turnkunst“ veröffentlichte und der auch nach seinem Ausscheiden als städtischer Turnlehrer 1856 zehn weitere Jahre als Turn- und Fechtlehrer in der Kadettenanstalt wirkte (er starb 1879 in Bad Freienwalde).
All dies verfolgte Jahn aus der Ferne intensiv. Seine Briefe dokumentieren das. Wobei er Lübeck nicht nur fachlich unterstützte und zahllose Anregungen gab, sondern ihn auch nutzte, in Berlin, wohin er selbst nie wieder zurückkehren wollte, sein Netzwerk auszubauen; zudem war Freyburg eine beliebte Anlaufstelle für Turnfahrten und für den Besuch von Freunden. Dass Jahn in dieser Zeit alles andere als isoliert war, zeigt auch der Fall des westfälischen Oberpräsidenten Vincke aus Münster, der Jahn so sehr schätzte, dass er ihn mehrfach zum Umzug nach Westfalen zu bewegen versuchte.

Vor allem aber ermöglicht diese Quellenedition Einblicke in das Familienleben Jahns, die bislang so nicht möglich waren, weil die Briefe von Emilie Jahn, geb. Hentsch, die Jahn 1825 geheiratet hatte, bisher nicht veröffentlicht wurden. Emilies alltägliche Sorgen, Nöte und Ängste um die Zukunft der Familie bringt sie in diesen Briefen ebenso zum Ausdruck wie z.B. ihre Freude über die Entwicklung ihrer Enkelkinder. Im Grunde gehörte Lübeck zur Familie, für Emilie war er ein wichtiger Ratgeber in lebenspraktischen Fragen, gerade auch nach Jahns Tod. Einige Briefe erwecken durchaus den Eindruck, dass Emilie und auch ihr Ehemann froh darüber gewesen wären, wenn nicht der Freyburger Kantor Quehl, sondern Lübeck ihre Tochter Sieglinde geheiratet hätte. Doch daraus wurde nichts, Lübeck blieb zeit seines Lebens unverheiratet. Für weitere Untersuchungen, etwa zur Lebensgeschichte von Jahns Sohn Arnold Siegfried, bieten Emilies Briefe aufschlussreiche Hinweise, aber auch zur der Frage der Errichtung des Hasenheide-Denkmals für ihren verstorbenen Mann.

Nicht nur für die biographisch angelegte Jahnforschung und für die Turngeschichte dürfte diese Quellenedition von großem Nutzen sein, sondern auch für bestimmte historische Teildisziplinen wie die Alltagsgeschichte, die Mentalitätsgeschichte und nicht zuletzt die Geschlechtergeschichte.
Erstmalig werden in dieser übersichtlich angeordneten Quellensammlung die Briefe veröffentlicht, die Jahn von 1844 bis zu seinem Tod 1852 an Wilhelm Lübeck gerichtet hat. Es ist erstaunlich, dass die Jahnforschung dieses Vorhaben, das Friedrich Quehl bereits 1919 ins Auge gefasst hatte, erst mit dem Erscheinen dieses Buches verwirklicht hat. Die Vorstellung, dass nur Männer „Geschichte machen“ und (durch welche Umstände auch immer) in den Rang von „Persönlichkeiten der Geschichte“ erhoben werden, ist heute überholt. Auch deshalb ist es sehr verdienstvoll, dass Ulfkotte alle erreichbaren Briefe von Jahns Ehefrau Emilie in diesem Band dokumentiert hat. Sie stammen aus dem Bestand der umfangreichen Historischen Sondersammlungen der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, insgesamt handelt es sich um 189 Schriftstücke, die der Editor sorgfältig für den Druck vorbereitet hat. Der Briefwechsel setzt 1835 ein und reicht – mit einer Unterbrechung – bis in Emilies Todesjahr 1876.

Nun sind die überlieferten Briefe der Eheleute Jahn an Lübeck bekannt, über das weitere Schicksal der Gegenbriefe von Wilhelm Lübeck nach Emilies Tod herrscht bis jetzt Ungewissheit. Sollten sie noch existieren? Hat sie der Lübecksche Turnverein in Berlin erhalten? Ist er in den Besitz der Familie Quehl gelangt? Oder schlummern sie auf irgendeinem Dachboden? Als Ergänzung dieser Briefe-Sammlung wären Lübecks Schreiben natürlich außerordentlich wertvoll.

Es ist das Verdienst Josef Ulfkottes, dass er uns in jahrelanger Arbeit (hauptberuflich ist das Mitglied des Präsidiums der Jahn-Gesellschaft ja Gymnasiallehrer) wichtige Nachlassteile (deren Vorhandensein 1978 publik wurde) jetzt zugänglich macht und so weitere Forschungen ermöglicht. Der Zentral- und Landesbibliothek Berlin danken wir für den 248-Seiten-Band, der selbstverständlich eine ausführliche Einleitung und Hinführung umfasst (30 Seiten), dazu vier Seiten Abbildungen und ein siebenseitiges Personenregister zu den Briefen.

Hansgeorg Kling


Ulfkotte, Josef: Briefe von Friedrich Ludwig und Emilie Jahn an Wilhelm Lübeck 1835 – 1876. Zentral- und Landesbibliothek Berlin, 2010. ISBN 978-3-925516-38-2, Paperback

(Das Buch ist über Libri regulär im Buchhandel und im Internet für 18 Euro bestellbar und auch bei Amazon gelistet. Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) nimmt keine Bestellungen an.)

Vor 150 Jahren: Das erste deutsche Turn- und Jugendfest 1860 zu Coburg

Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. 1842 die von seinem Vater rund 20 Jahre zuvor verhängte „Turnsperre“ aufhob, bildeten sich in schneller Folge zahlreiche Männer-Turnvereine. Ihre regionalen Organisationsschwerpunkte hatte diese vormärzliche Turnvereinsbewegung in Sachsen und in Südwestdeutschland, wo bis 1848 jeweils etwa 100 Turnvereine entstanden. Im Rhein-Main-Neckar-Gebiet und im Königreich Sachsen entwickelten sich in diesem Zeitraum intensive Kontakte zwischen den Turnvereinen, die ihren Ausdruck in regionalen Turnfesten und Turntagen fanden.

Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 fielen insbesondere die Turnvereine der staatlichen Repressionspolitik zum Opfer, die sich in den Revolutionsjahren politisch engagiert hatten, um die Fürstenherrschaft in Deutschland zu beseitigen. So retteten sich am Ende nur etwa 100 zahlenmäßig kleine Turnvereine über die Jahrhundertmitte. Zu diesen Vereinen zählte auch der im Juli 1848 von 22 jungen Männern in Coburg gegründete Turnverein.

Ende der 1850er Jahre erweckten vor allem die enormen ökonomischen und technischen Verbesserungen der Kommunikations- und Verkehrsmittel (Ausbau des Eisenbahn- und Telegraphensystems) die liberale und nationale Bewegung in Deutschland zu neuem Leben. Nationalpolitische Schillerfeiern, die im Herbst 1859 in ganz Deutschland den freiheitlichen und nationalen, bürgerlichen und populären Dichter in den Mittelpunkt stellten, erreichten große Teile der Bevölkerung und verstärkten den Wunsch nach „Einheit“ und „Freiheit“.

Als die beiden damals 34jährigen schwäbischen Turnlehrer Carl Kallenberg aus Stuttgart und Theodor Georgii aus Esslingen in einem „Ruf zur Sammlung“ in der „Deutschen Turn-Zeitung“ im Februar 1860 alle Turner in Deutschland zur Teilnahme an einem „allgemeinen deutschen Turn- und Jugendfest“ aufriefen, das im Laufe des Jahres 1860 in einer Stadt Mitteldeutschlands stattfinden sollte, erklärten sich die Coburger Turner sogleich bereit, die Austragung eines solchen gesamtdeutschen Festes zu übernehmen. Am 29. April 1860 trat der Festausschuss, dem neben acht Mitgliedern des Coburger Turnvereins Theodor Georgii (Esslingen), Carl Kallenberg (Stuttgart), Dr. Ferdinand Goetz (Leipzig) und Dr. Eduard Angerstein (Berlin) angehörten, mit einer Einladung an die Öffentlichkeit.

Mitte Juni bereitete dann die damals etwa 10.000 Einwohner zählende Stadt den Turnern einen begeisternden Empfang, den Georgii, der Festpräsident, in seiner Rückschau so zusammenfasste: „Die Stadt hatte ihr Festgewand vollends angezogen, sie prangte in einem grünen Wald von Maien, Kränzen und Gewinden, in einem bunten Gemisch von Flaggen und Fahnen in Stadt- und Landes-, vor allem in den deutschen Farben schwarz-rot-golde. Am freundlichsten aber grüßten überall die Menschen. Mehr als 1.200 Turner wurden gastfrei untergebracht, der fremde, nie gesehene Mann ohne Frage und Bedenken als Bekannter aufgenommen in den Kreis der eigenen Familie; solche Gastfreundschaft ist, zumal in unserer Zeit, nicht hoch genug anzuschlagen, sie gibt einem Feste den rechten Grund, die rechte Weihe, da es so von der ganzen Stadt nicht äußerlich nur, nein, von Herzen mitgefeiert wird.“

Die „Einzeichnungsliste“ wies 139 Gemeinden und Städte aus allen Teilen Deutschlands aus. Der 1. Deutschen Turntages am 17. Juni 1860 in der herzoglichen Reithalle am Schloss diskutierte leidenschaftlich die Schaffung einer Dachorganisation für alle deutschen Turnvereine, verzichtete aber am Ende auf die Gründung eines überstaatlichen deutschen Turnerbundes, weil er befürchtete, dass einige Regierungen den Turnvereinen ihres Staates den Anschluss an diese gesamtdeutsche Organisation versagen würden.

Aber natürlich wurde in Coburg auch geturnt. Nachdem sich die Turner am frühen Sonntag-Nachmittag auf dem Schlossplatz versammelt hatten, setzte sich der Festzug – mit dem schwarz-rot-goldenen Banner von den Schwaben angeführt – durch das Spalier der Coburger zum Turnplatz in Bewegung. Die turnerischen Darbietungen demonstrierten die Vielseitigkeit des Turnens. Etwa 50 Riegen gingen zum Vereinsturnen an die Geräte (Reck, Pferd, Barren, Kletterstangen). Neben dem Turnen an Geräten standen noch Vorführungen im Hochsprung, Fechten und Ringen auf dem Programm. Am Montag führte eine Wanderung nach Callenberg und Rosenau.

Das Coburger „Turn- und Jugendfest“ fand nicht nur unter den Turnern, in der Presse und in der Öffentlichkeit eine insgesamt große Aufmerksamkeit, sondern auch bei Regierungen und Behörden. Selbst die Polizei hatte an diesem Fest nichts auszusetzen. So bildete der „Ruf zur Sammlung“ den Auftakt zur Neuformierung der Turnvereinsbewegung, die sich nach dem Coburger Turnfest Bahn brach.

Bestanden bis 1858 insgesamt 234 Turnvereine, so wurden allein im Turnfestjahr 1860 253 Vereine neu gegründet. Nach Berlin 1861 kamen beim dritten Deutschen Turnfest 1863 in Leipzig rund 20000 aktive Turnfestteilnehmer zusammen. Coburg aber war mit seinem Bekenntnis zur (damals nicht vorhandenen) deutschen Einheit und zur Schaffung einer nationaldeutschen Turnorganisation Ausgangspunkt für die Gründung der „Deutschen Turnerschaft“, die beim 4. Turntag der deutschen und österreichischen Turnvereine am 21. Juli 1868 in Weimar erfolgte.

Dr. Josef Ulfkotte

Das Banner der Deutschen Turnerschaft

Bei den großen Turnfesten wie jetzt in Frankfurt am Main treten auch die Turnerfahnen immer wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Das gibt Anlass, einen Blick auf eine Fahne zu werfen, die sich heute im Friedrich-Ludwig-Jahn-Museum in Freyburg an der Unstrut befindet, aber mit der Feststadt eng verbunden ist. Das Bundesbanner der alten Deutschen Turnerschaft (DT) wurde nämlich zum 5. Deutschen Turnfest 1880 in Frankfurt gestiftet. In der Form einer Kirchenfahne gehalten, zeigt es auf der Vorderseite im Mittelfelde den Reichsadler von einem Eichenkranz umgeben, auf der Rückseite im Mittelbild das „Turnerwappen“ mit den vier „F“.

Das Banner wurde am 24. Juli 1880 von Oberbürgermeister Dr. Miquel übergeben, der seine Ansprache mit den Worten schloss: "So eröffne ich das Fest mit dem letzten, aber besten Gruß der Frauen und Jungfrauen Frankfurts. In ihrem Auftrage überreiche ich der Deutschen Turnerschaft dies schöne Banner, ein Wahrzeichen der Gemeinschaft, welche nach den Worten unseres Turnvaters Jahn die Unterschiede der Stände und Stämme verwischen soll. Möge diese Fahne als ein Sinnbild der Eintracht und der Liebe zum Vaterlande die Deutsche Turnerschaft verehren.“

Das Banner blieb in der Feststadt aufbewahrt bis zum das 6. Deutsche Turnfest 1885 in Dresden. Bevor es dorthin gebracht wurde, "versammelten sich tausende (!) von Menschen auf dem Römerberg, um Zeugen des Abzugs der Turnerbundesfahne nach dem neuen Festorte zu sein." Als 23 Jahre später 1908 das 11. Deutsche Turnfest wiederum in Frankfurt stattfand, hatte das Banner inzwischen "wertvolle Festgaben“ erhalten, wie etwa die von den Frauen und Jungfrauen Dresdens gestifteten Bänder (1885).

Mit seiner Wiederankunft in Frankfurt trafen nacheinander in 36 Stunden über 60 Sonderzüge ein. „Die größte Begeisterung herrschte natürlich, als nach 3 Uhr der geschmückte Nürnberger Zug mit dem Bundesbanner eintraf." Beim dreiteiligen Festzug wurde das Banner auf einem Wagen mit einer großen Jahnbüste mitgeführt. Das Banner als zentrales Symbol der DT war sowohl in Leipzig (1913) als auch bei den folgenden Deutschen Turnfesten in München (1923), Köln (1928) und Stuttgart (1933) dabei.

Seine Verbindung mit Freyburg beginnt in den zwanziger Jahren. Beim 18. Jahn-Wetturnen im August 1923 wurde es vom damaligen Vorsitzenden der DT, Prof. Berger, "mit all seinem Zierrat in die Obhut der Jahnstadt" übergeben. Dies geschah mit dem Einverständnis der Stadt München, wo es nach dem Deutschen Turnfest normalerweise geblieben wäre, und sollte den Freyburger Jahnstätten zusätzliche Anziehungskraft verleihen.

Im Krieg wurden die Bestände des Jahn-Museums in die Umgebung ausgelagert, unter anderem auf die Neuenburg oberhalb der Stadt. Als nach der Wende 1990 die dortigen Bestände gesichtet wurden, kam es wieder ans Licht und wurde nach längeren Verhandlungen 1999 an das Jahn-Museum zurückgegeben. Es wird seitdem auch wieder zu besonderen Anlässen ausgeliehen, war beim Deutschen Turnfest in Leipzig (2002) ausgestellt und steht alljährlich bei der Kranzniederlegung im Rahmen des Jahn-Turnfestes an Jahns Grab.

Ingo Peschel


Anmerkung: Die ausführliche Fassung dieses Beitrags findet sich im „Jahn-Report“ 28/2009.

Besprechung

Schulke, Hans-Jürgen: Bruder Jahn - Ein Essay zur Brüderlichkeit in Deutschland. Jahn-Report Sonderausgabe, August 2008.

In einer geistreichen und interessanten 40-seitigen und reich bebilderten Abhandlung zu Bruder Jahn entwirft Schulke eine neue Sichtweise des seit nunmehr 200 Jahren von seinen Gegnern verdammten und seinen Anhängern hoch verehrten Gründers des Turnens.

In vier Kapiteln
1. Vater oder Bruder - Was war Jahn?
2. Brüderlichkeit. Deutsche Defizite und Distanzen
3. Die Verbrüderungspraxen des Friedrich Ludwig Jahn
4. Bruder Jahn: Phantast, Pädagoge, Politiker
mit Vor- und Nachwort versucht Schulke, das politische Konzept und Wirken und deren Nachhaltigkeit des Pädagogen, Sprachforschers und Mitgestalters der ersten deutschen Verfassung aus den konträren Überlieferungen herauszufiltern. Vom Negativ-Urteil eines Zeitgenossen Jahns bis hin zum erstmaligen ideologiefreien wie selbst-verständlichen Gebrauch der Nationalfarben während des Sommermärchens 2006 reicht die Spannweite. Geschickt deutet er die Ambivalenz der Beurteilung Jahns durch Zeitzeugen an und geht davon aus, “dass eine weitere theoretische und ideologiekritische Zuordnung Jahns wenig Ertrag verspricht, weil kein umfassendes und zugleich in sich schlüssiges System des Turnens von Jahn begründet wurde, das in staatsrechtliche, nationalökonomische, sozialphilosophische oder politische Theorien eingeordnet werden könnte.”

Schulke wendet sich vom Bild des Turnvaters (Turnopas) ab, hin zum Bruder Jahn, um diesem einen neuen Zugang zu verschaffen, und fragt nach “der politisch-kulturellen Substanz seiner Brüderlichkeit”, die weder in der älteren noch in der neueren Jahnforschung untersucht worden ist. Mit provozierender Polarisierung versucht er eine Diskussion zu entfachen, damit Jahn 2011 bei der 200. Wiederkehr der Eröffnung des ersten öffentlichen Turnplatzes in der Berliner Hasenheide endlich in einem gerechteren Bild erscheinen kann, und dies sowohl bei seinen Gegnern (vgl. Bildungskritiker B. Bueb: Lehrer brauchen Führung, in: Spiegel, Nr. 27, 08. 09. 2008, S. 142 - 146) als auch Befürwortern.

Um dieses Ziel zu erreichen, untersucht Schulke nicht nur die Person Jahn, seine Ideen und Ziele (dabei auch die praktische Umsetzung der Parole “Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit” der Französischen Revolution, wobei die letzte Kategorie in allen Epochen der deutschen Geschichte vernachlässigt wurde), sondern auch Jahns Initiativen, diese vom Turnplatz aus auf das ganze deutsche Volk zu übertragen. Da kein anderer gesellschaftlicher Bereich so offene und dynamische Assoziationen wie gemeinsam betriebene Leibesübungen kennt, sei es “vielversprechend, nach Entstehung und Dynamik der Brüderlichkeit bei Turn- und Sportvereinen zu forschen“, ausgehend bei “Bruder Jahn”.

In Zeiten ständischer Hierarchien, in denen die Menschen in Klassen eingeteilt und Kinder ihre Eltern siezten, lebte Jahn auf seinem Turnplatz die Einheit und Freiheit durch Brüderlichkeit. Im emotionalen Zusammenwachsen Jugendlicher - distanziert oder gar losgelöst von Erwachsenen und der Obrigkeit - sah Jahn das prägende Sozialmuster. Das war revolutionär. Aber er hat sich nicht systematisch oder programmatisch darüber geäußert. Ebenso spärlich findet sich Brüderlichkeit später in Satzungen und Parteiprogrammen - ganz anders jedoch in Liedgut, Gedichten und Briefen: Da wird die brüderliche Nähe beschworen.

In Verbindung mit Jahns Ideen und seiner Wirkung versucht Schulke eine Interpretation des Triangel und sieht die Brüderlichkeit “als vermittelnde Instanz zwischen Freiheit und Gleichheit”, führt Beispiele der Schieflage auf, in der die Brüderlichkeit vernachlässigt bzw. überbetont wird.

Die “Karriere” der Brüderlichkeit aus sozialhistorischer und psychomotorischer Sicht auf das Verhalten des jungen Jahn übertragen, lässt dessen Handeln begreifbar werden. Ausgehend vom Negativbild von Jahn und seiner Ideen skizziert Schulke dessen Lebensweg über die praktische Auseinandersetzung hin zur Verbrüderung, die nicht mit Jahns Verhaftung im Juli 1819 endete, sondern nach 1840 ohne sein aktives Zutun wieder auflebte und heute auch die Schwestern mit einbezieht.

Eine doppelte Paradoxie in der Brüderlichkeit als politischer Kategorie wird spürbar, denn “Jahns Prozess der Verbrüderung benötigt Herausforderung, Gefahr, Gegnerschaft”, die auf Dauer und außerhalb des Turnplatzes nicht mit seinen Idealen, seinem humanistischen Menschenbild und seiner demokratischen Grundhaltung in Einklang zu bringen sind. Letztendlich können Prozess und Ergebnis der Verbrüderung nicht diktiert werden, da sonst Freiheit und Gleichheit, von deren Grundprinzipien Jahn nie abrückte, nicht mehr gegeben wären, konstatiert Schulke und legt damit eine Basis für kontroverse Diskussionen.

Wie selbstverständlich geht er gegen Ende seines Essays von einem wirkungsvollen Konzept der Verbrüderungstheorie und -praxis Jahns aus und erklärt dies plausibel anhand des persönlichen Werdeganges Jahns bis zu dessen 40. Lebensjahr - seiner breiten öffentlichen Anerkennung, aber auch Demütigung. Immerhin hat er als Abgeordneter der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche 1848/49 an seiner frühen politischen Zielsetzung, der Einheit Deutschlands in einer konstitutionellen Monarchie unter preußischer Führung, starr festgehalten und damit einer Parteienlandschaft Vorschub geleistet, die einer allgemeinen Verbrüderung entgegenstand.

Als der ewige Turnvater - das Bild des Turnopas hängt noch immer in vielen Turnhallen - kommt Jahn nicht an die (heutige) Jugend heran. Um dies zu erreichen, muss der Lebensweg des jungen Jahn “brüderlich begleitet und neu vermessen werden”; denn zu seiner aktiven Zeit (1811 - 1819) habe der junge Jahn, so der norwegische, an deutschen Universitäten lehrende Naturphilosoph Henrik Steffens (1773 - 1845), “bedeutenden Einfluss auf Knaben, Jünglinge und Familienväter gewinnen” können: “ein Einfluss, der schließlich zu einer Regeneration des Volkes geführt” habe. “Ein Mann, der eine solche Macht ausübte, war mir”, so gestand Steffens in seinen Lebenserinnerungen 1843, “schon als ein solcher, als ein mächtig geschichtlicher Naturgegenstand anziehend und wichtig”.

Was sollen wir aber heute noch mit Jahn? Unter dem Aspekt der Brüderlichkeit ge-sehen, gilt es, bei Jahn noch vieles zu entdecken. “Bewegungsaktivitäten und Vereine”, schlussfolgert Schulke, können neue Optionen liefern und brüderliche Bindungen in der heutigen individualisierten und unpersönlichen Welt fördern. Deshalb muss Jahns Traum von der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit in und durch Bewegung weiter Ziel der deutschen Turnbewegung” bleiben. Das Internationale Deutsche Turnfest in Frankfurt 2009 und anstehende Gedenkfeiern zu Jahn (200 Jahre Hasenheide 1811-2011) sollten so gestaltet werden, dass sie auch die Jugendlichen ansprechen und diese über das im Essay aktualisierte Bild des Bruder Jahn für dessen Ideen und Ziele öffnen und zu einer Renaissance Jahns führen.

Harald Braun

Besprechung

„Bruder Jahn“ – Ein Essay zur Brüderlichkeit in Deutschland von Hans-Jürgen Schulke

Die vierzigseitige Sonderausgabe des Jahn-Reports mit dem Titel „Bruder Jahn. Ein Essay zur Brüderlichkeit in Deutschland“, den Hans-Jürgen Schulke (Bremen/Hamburg), Vizepräsident des DTB, verfasste, legt die Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft genau zu dem Zeitpunkt vor, an dem sich der seitherige Jahn-Förderverein umbenannte und seine Zielsetzung erweiterte.

Sie soll dokumentieren, dass das weiter entwickelte Jahnsche Turnen heute etwas sehr Lebendiges ist und dass die Pflege des Jahnschen Erbes bei weitem nicht nur Aufarbeiten von Geschichtlichem bedeutet. Schulke arbeitet überzeugend heraus, dass Jahn bei seinem Verbreiten des Turnens und in seiner politischen Tätigkeit alle drei Ideale der Französischen Revolution verfolgte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, also auch den immer wieder vernachlässigten letzten Aspekt. Er sieht die Brüderlichkeit geradezu als „vermittelnde Instanz zwischen Freiheit und Gleichheit“.

Hinzu kommt das Herausarbeiten der Zusammenhänge mit der Entstehung der Farben Schwarz-Rot-Gold, die zu Jahns Zeiten und durch Jahns politisches Wirken „groß“ wurden und die während des „Sommermärchens“ 2006 so ideologiefrei und selbstverständlich gezeigt wurden.

Schulkes spritziger und kurzweilig zu lesender, gut bebilderter Essay eröffnet damit die Hoffnung, dass 2009 beim Deutschen Turnfest in Frankfurt und 2011 bei der 200. Wiederkehr der Eröffnung des ersten öffentlichen Turnplatzes in der Berliner Hasenheide Jahn, der spätere „Turnvater“, angemessen und „gerecht“ gewürdigt wird. Gerade der Lebensweg des jungen Jahn (sein Wirken konzentrierte sich auf die Jahre 1811 bis 1819) müsse „neu vermessen“ werden, es gelte noch vieles an Jahn zu entdecken; ein Lebensbild, das brüderliche (und inzwischen selbstverständlich auch schwesterliche) Nähe anstrebt, gelte nicht zuletzt auch für die heutige Vereinssituation (Miteinander, Geborgenheit, „Heimat“).

Der Essay erschien als Sonderausgabe des „Jahn-Report“, herausgegeben von der Friedrich-Ludwig-Jahn Gesellschaft, Freyburg/Unstrut, August 2008 (dort kostenlos zu beziehen: Tel. 034464/27426 oder Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Hansgeorg Kling