Pressedienst

Der Jahn-Pressedienst ist ein Service der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft e.V. mit Sitz in Freyburg (Unstrut). Er stellt den Verbandsorganen der Landesturnverbände im Deutschen Turner-Bund und allen anderen interessierten Zeitungen und Zeitschriften Artikel zu Themen des Turnens und der Turngeschichte (unter besonderer Berücksichtigung von Beiträgen über Friedrich Ludwig Jahn) zum Nachdruck zur Verfügung. Der Nachdruck ist kostenfrei und genehmigungsfrei. Unter dem Artikel ist der Vermerk [Jahn-Pressedienst] aufzunehmen. Um ein Belegexemplar wird gebeten. Die vom Jahn-Pressedienst veröffentlichten Artikel werden unter Pressedienst auf der Homepage der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft zum Herunterladen archiviert und können auch zu einem späteren Zeitpunkt verwendet werden.

 

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Zu den XXIX. Olympischen Sommerspielen in Peking: Die Olympischen Spiele vor dem Hallischen Thore (1811)

Haben die Olympischen Spiele der Neuzeit etwa nicht 1896 in Athen begonnen, wie wir bis jetzt immer angenommen haben, sondern haben sie womöglich ihre Wurzeln auf der Hasenheide in Berlin? Im Morgenblatt für gebildete Stände, Nr. 192, das am 12. August 1811 in Jena erschien, lesen wir nämlich den folgenden Korrespondentenbericht:

Berlin, 18. Juli. Wir haben jetzt ein verkleinertes Bild von den Olympischen Spielen vor dem Hallischen Thore. Durch die Thätigkeit und das umsichtsvolle Bestreben des Dr. Jahn, Verfasser des bekannten Werks: Volksthum, haben sich die jungen Leute von einem hiesigen Gymnasium vereint, auf einem freyen Platz ein Gehege gezogen, und die nöthigen Anstalten getroffen, sich im Ringen, Springen, Laufen, Klettern und allen Bewegungen, welche dem Körper Gleichgewicht und Gewandheit geben, zu üben. Dies geschieht in den Freystunden unter der Aufsicht der Lehrer in einem dazu gewählten einfachen und bequemen Anzug, oft vor einer bedeutenden Zahl von Zuschauern.

Unser Korrespondent hatte, das wissen wir heute, natürlich nur ein sehr ungenaues Bild von den Olympischen Spielen der griechischen Antike und noch weniger ahnte er, was mit der Wiederbelebung der Olympischen Spiele 1896 auf uns zukommen würde. Die alten Spiele waren, zumindest in ihrer Glanzzeit vom achten bis zum zweiten vorchristlichen Jahrhundert, ein religiöses Hochfest, das dem Göttervater Zeus selbst geweiht war. Danach verkamen sie zu einem Wettkampf für Berufsathleten, bis sie 394 n. Chr. auf Befehl des christlichen Kaisers Theodosius I. als heidnischer Kult ganz verboten wurden.

Die Ähnlichkeiten zwischen dem Geschehen im alten Olympia und dem auf der Hasenheide waren bestenfalls oberflächlich: An beiden Orten standen Leibesübungen zwar im Mittelpunkt des Geschehens, wenn auch mit gänzlich anderer Sinngebung. Der Agon, der Wettkampf, spielte auf der Hasenheide gar keine Rolle – er war für die nächsten einhundert Jahre bei den Turnern sogar streng verpönt – wie sehr, das mussten die ersten deutschen Olympioniken der Neuzeit 1896 bei ihrer Rückkehr aus Athen schmerzlich erfahren: sie wurden aus der Deutschen Turnerschaft ausgeschlossen, weil diese den Wettkampfgedanken damals strikt als „undeutsch“ ablehnte.

Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch das Geschehen auf der Hasenheide von einem „Hochgedanken“ getragen war, nämlich dem, dass

(die) Turnkunst … die verlorengegangene Gleichmäßigkeit der menschlichen Bildung wieder herstellen, der bloß einseitigen Vergeistigung die wahre Leibhaftigkeit zuordnen, der Überverfeinerung in der wiedergewonnenen Männlichkeit das notwendige Gegengewicht geben und im jugendlichen Zusammenleben den ganzen Menschen umfassen und ergreifen (soll).

Insofern hatte das Turnen auf der Hasenheide eine zutiefst humanistische Grundlage, die sich (auf dem Umweg über GutsMuths und die Philantropisten) auch auf griechische Vorbilder berief, aber die doch so gar nichts mit dem religiösen Gehalt der antiken Olympischen Spiele zu tun hatte.

Als Pierre de Coubertin 1894 zur Wiederbelebung der Olympischen Spiele aufrief, begeisterte er die Öffentlichkeit mit einem hehren Gedankengebäude: Die Jugend der Welt sollte sich bei sportlichen Wettkämpfen messen statt sich auf den Schlachtfeldern zu bekämpfen, so wollte er zum Frieden und zur internationalen Verständigung beitragen und wollte helfen, nationale Egoismen zu überwinden. Zugelassen zu den Wettkämpfen sollten natürlich nur reine Amateure sein.

Dabei wollte de Coubertin sicher an den Glanzzeiten der alten Olympischen Spiele anknüpfen, aber ohne den religiösen Wesenskern der alten Spiele blieb nur ein sekularisierter Olympiaverschnitt mit einigen später hinzugefügten pseudoreligiösen Elementen, wie der Entzündung des Olympischen Feuers durch „Priesterinnen“ im Hain von Olympia übrig. Die beiden Weltkriege konnte diese blasse Idee nicht verhindern und statt der Überwindung nationaler Egoismen machte sich ein oft hässlicher Chauvinismus breit. Schon vier Jahrzehnte später waren die XI. Olympischen Sommerspiele in Berlin zu einem Propagandaforum der Nationalsozialisten verkommen. Von Anfang an wurden die Spiele der Neuzeit von dem Monster des Dopings begleitet. Der Amateurgedanke war schnell ausgehöhlt. Das IOC erwies sich als korrupt. Der Kommerz und die Politik überschatteten bald alles.

Nein, die Olympischen Spiele der Neuzeit haben zum Glück ihre Wurzeln nicht auf der Hasenheide in Berlin und wir täten gut daran, uns gerade jetzt, wenn die deutsche Riege um Fabian Hambüchen in Peking einen hoffentlich großen Auftritt hat, wieder auf die moralischen Grundlagen unserer Turnbewegung zu besinnen!

Karl Thielecke

„...für Volk und Vaterland kräftig zu würken...“

Die Turnerfeuerwehren – ein (fast) vergessenes Kapitel der Turngeschichte

„…für Volk und Vaterland kräftig zu würken…“ (1). Mit diesem Jahn-Zitat überschreibt Dieter Langewiesche seinen höchst lesenswerten Aufsatz über die politische und gesellschaftliche Rolle der Turner von den Anfängen bis zur Reichsgründung (2), in dem allerdings die Turnerfeuerwehren nicht vorkommen. Auch Horst Ueberhorst erwähnt in seinem äußerst informativen Überblick „Die Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns – Von den historisch-politischen Dimensionen des Turnens“ (3) das Thema Turnerfeuerwehren nicht. Die beiden namhaften Historiker stehen damit nicht etwa allein da. Daniel Leupold stellt in seiner Dissertation (2003) fest, dass erstaunlicherweise die Geschichte des freiwilligen Feuerwehrwesens bis jetzt wissenschaftlich so gut wie gar nicht aufgearbeitet worden ist (4) – aus turnhistorischer Sicht besonders bedauerlich, denn die ersten freiwilligen Feuerwehren wurden fast ausnahmslos von oder unter Mitwirkung von Turnern gegründet.

Die Anfänge
Bis in die 1840er Jahre war das Löschwesen in Deutschland (mit Ausnahme von Köln, Trier und Saarlouis) vollkommen unzureichend organisiert. Regelmäßig zeigte sich, dass im Ernstfall die später so genannten “Pflichtfeuerwehren” versagten und die Löschmaßnahmen im Chaos zusammenbrachen. Das große Umdenken setzte 1842 mit dem verheerenden Stadtbrand von Hamburg ein, bei dem in vier Tagen und vier Nächten ein Drittel der Stadt verbrannte. 1700 Häuser wurden zerstört, 50 Menschen kamen in den Flammen um und 20.000 Hamburger verloren das Dach über dem Kopf. Es stellte sich die Erkenntnis ein, dass im Brandfall eine große Menge unwilliger, unausgebildeter, undisziplinierter und schlecht ausgerüsteter Männer unter einer inkompetenten Führung nie effektiv arbeiten würde. Deshalb trat in Hanau die junge Turngesellschaft 1843 mit dem Wunsch an den Magistrat heran, den Turnern eine Feuerspritze und weitere Gerätschaften zur Bedienung zu überlassen. Dem Wunsch wurde stattgegeben und so kam es am 1. Juli 1843 zur Gründung des ersten aus etwa 100 Turnern bestehenden freiwilligen Löschcorps unter der Leitung des von den Turnern gewählten Hauptmanns August Schärttner. (5)

Am 4. Februar 1845 fand unter dramatischen Umständen die Gründung einer weiteren Turnerfeuerwehr statt, als sich Mitglieder des Turnvereins Offenbach bei einem Brand einer Feuerspritze bemächtigten und damit so erfolgreich agierten, dass der Turnverein hinfort mit der Brandbekämpfung beauftragt wurde.

Die nächste – und vielleicht folgenreichste - Gründung einer freiwilligen Feuerwehr erfolgte ein Jahr später im badischen Durlach. Das „Pompier Corps“(6), das sich dort unter der Leitung des Stadtbaumeisters Christian Hengst gebildet hatte, zeichnete sich 1847 beim Brand des großherzoglichen Hoftheaters in Karlsruhe so glänzend aus, dass die deutschen Zeitungen tagelang darüber berichteten. Noch im selben Jahr entstanden in Südwestdeutschland, aber auch in Leipzig, "Pompier-Corps" nach Durlacher Vorbild, so z.B. in Rastatt, Tübingen, Heilbronn, Schwäbisch Gmünd und Schwäbisch Hall, Karlsruhe, Heidelberg (7), Ulm und anderswo – und die Gründungen hörten auch im nächsten Jahr nicht auf. Es ist zwar nicht klar, ob das Durlacher Pompier-Corps wirklich eine Turnerfeuerwehr war, sicher ist aber, dass bei ihrer Gründung erstmals Carl Metz mitwirkte, der in der Folge als „Geburtshelfer“ bei so vielen Feuerwehren tätig wurde, dass er eine besonders herausragende Rolle in der Feuerwehrgeschichte einnimmt.


Der Turnlehrer und „Ingenieur“ Carl Metz (1818 – 1877) hatte im Elsass das militärisch organisierte französische Feuerlöschwesen kennen gelernt und 1842 in Heidelberg eine Fabrik für den Bau von Feuerlöschgeräten gegründet. Sein geschäftlicher Erfolg beruhte darauf, dass er seinen Kunden nicht nur Feuerspritzen verkaufte, sondern dass er ihnen auch das „know-how“ für die erfolgreiche Organisation des Feuerlöschwesens nach französischem Vorbild mitlieferte. Ihm war nämlich klar, dass eine Anschaffung moderner Geräte nicht ausreichte. „Es handelt sich nicht allein um die Anschaffung von Löschgerätschaften, denn die Werkzeuge sind tot, aber die Nächstenliebe und der feste Wille, im Falle der Not helfen zu wollen, müssen lebendig sein. Keine Obrigkeit kann hierzu zwingen; es müssen sich freiwillige Vereine bilden, die aus tatkräftigen Männern bestehen, denen das Wohl ihrer Nebenmenschen so sehr am Herzen liegt als das eigene.“ Dabei dachte Metz wahrscheinlich an die Turner, denn 1848 verkündete er auf einem Flugblatt: „Löschwesen ist Turnwesen!“

 

Löschwesen ist Turnwesen und politisches Handeln
Feuerwehrchroniken reduzieren die Bedeutung der Turner bei der Gründung ihrer Wehr gern auf deren körperliche Fitness, die bei den damaligen Techniken der Brandbekämpfung natürlich von großer Bedeutung war. Das Zitat lässt erkennen, dass für Metz aber nicht die Fitness, sondern die turnerische Einstellung im Vordergrund stand – und damit erhält das Zitat eine politische Dimension, denn „das Jahnsche Turnen war von seinen Anfängen an politisch akzentuiert und motiviert, [und zwar] politisch im ursprünglichen Sinne als [Arbeit] für die Bürgergemeinde und den Staat“ (8). Aufgabe des Turners war es „für Volk und Vaterland kräftig zu würken“. Jahn und die Turner hatten die Nassauische Denkschrift des Freiherrn vom Stein (1807) verinnerlicht, der „die Belebung des Gemeingeistes und Bürgersinns" gefordert hatte, um den Staat auf eine neue soziale Grundlage zu stellen: die auf Freiheit und Gleichheit gegründete bürgerliche Gesellschaft. Und so war der Einsatz für das Feuerlöschwesen für die Turner eben politisches Handeln in einem uns fremd gewordenen Sinne, politisches Handeln als freiwilliger, selbst bestimmter Einsatz für die Bürgergemeinde.

Aber er war politisch auch in einem anderen, viel brisanteren Sinne. Für Volk und Vaterland zu wirken hatten die Turner von Anfang an (zumindest in Preußen) im Sinne einer allgemeinen Volksbewaffnung verstanden um die Befreiung des Vaterlandes vom Napoleonischen Joch aus eigener Kraft zuwege zu bringen, immer in der Hoffnung, danach auch an den politischen Entscheidungsprozessen teilhaben zu dürfen. Später, im Vormärz, träumten die Turner (vor allem die im Südwesten) von der Volksbewaffnung als einem Mittel, die Teilhabe der Bürger am Staat und die Freiheit und die Bürgerrechte notfalls mit Gewalt zu erreichen. Auf diese Turner musste das militärisch organisierte Pompierwesen eine starke Anziehungskraft ausüben und so ist es denn kein Zufall, dass die ersten Turnerfeuerwehren in Südwestdeutschland entstanden.

Auch die Obrigkeit sah das so. Als 1847 in Regensburg der Wunsch formuliert wurde, eine Feuerwehr zu gründen, lehnte der Magistrat das strikt ab. Auch in Karlsruhe betrachtete die Obrigkeit den Wunsch nach einer freiwilligen Feuerwehr mit äußerstem Misstrauen, konnte dann aber die Gründung einer „Feuerwehr“ (9) aus 202 Bürgern und 160 Turnern nicht verhindern. Selbst in Durlach musste sich der Stadtbaumeister und „Pompier-Capitain“ Hengst wegen der „Soldatenspielerei“ ständige Anfeindungen gefallen lassen.

Dass das Misstrauen der Behörden nicht ganz grundlos war, zeigte sich schon wenig später in den Revolutionsjahren 1848/49. Die Hanauer Turner, zum Beispiel, bewaffneten sich und nahmen unter der Leitung des radikal-demokratischen, republikanisch gesinnten August Schärttner 1849 als „Hanauer Turnerbataillon“ am Badischen Volksaufstand teil. Der Turner Carl Metz stand ebenfalls auf der Seite der Aufständischen. Er organisierte in der Reichsfestung Rastatt die Brandbekämpfung so effektiv, dass es den preußischen Truppen während der dreiwöchigen Belagerung nicht gelang, Rastatt in Brand zu schießen. Auch die Karlsruher Feuerwehr bewaffnete sich, aber (und hier zeigt sich die Trennlinie, die damals die Turnerschaft und die ganze Bevölkerung spaltete) sie bezog Position gegen die Aufständischen, wobei nicht überliefert ist, wie sich die 160 Karlsruher Feuerwehrturner verhielten.

Nach der Revolution schlug die Reaktion zunächst einmal voll zu. Von den ungefähr 300 Turnvereinen, die 1848 in Deutschland existiert hatten, wurden etwa 200 als politische Vereinigungen eingestuft und verboten. Und so wie den Turnvereinen ging es auch den Turnerfeuerwehren. So wurden zum Beispiel die Turnerfeuerwehren in München und in Nürnberg aufgelöst. Auch die Neugründung von Feuerwehren wurde unterbunden. Die schon erwähnten Regensburger, mussten noch bis 1858 warten, bis sie unter Beteiligung der Turner ihre Wehr einrichten durften. Ein Kuriosum ist die Entwicklung in Hanau. Hier sollte den als radikal bekannten Turnern schon 1848 auf Geheiß der kurfürstlichen Polizeidirektion die Feuerspritze entzogen werden. Das damalige Stadtoberhaupt widersetzte sich aber dieser Anordnung mit der Begründung, „daß die Löschanstalten durch die Beihilfe der Turner eine sehr ansehnliche Verbesserung erfahren hätten, daß die Turner stets die ersten am Platze wären und mit einer Gewandtheit und Umsicht arbeiteten, die noch bei jedem Brandunglück ausschlaggebend gewesen seien ...“ Die Hanauer Turnerfeuerwehr überstand so auch den Auszug des Schärttnerschen Turnerbataillons und bestand noch bis 1861, als sie in der Hanauer freiwilligen Feuerwehr aufging – deren 374 Mitglieder allesamt Turner waren! (10)

Neuer Anfang und alte Ziele
Mit Beginn der „Neuen Ära“ (1858) in Preußen, die zu einer Liberalisierung des politischen Lebens führte, erstarkte auch die Turnbewegung wieder. Zwar war in der Revolution von 1848/49 der Versuch gescheitert, einen freiheitlichen gesamtdeutschen Verfassungsstaat zu schaffen, aber der Wunsch nach nationaler Einheit, an den sich auch Freiheitserwartungen knüpften, bestand unvermindert fort. Das Bürgertum, dem auch die Turnbewegung zugerechnet werden muss, sah sich durch die wirtschaftliche Entwicklung gestärkt und leitete aus seiner wirtschaftlichen Kraft auch Erwartungen auf politische Teilhabe am Staat ab. Mit dem 1. Deutschen Turn- und Jugendfest (1860) in Coburg begann eine riesige Vereinsgründungswelle: Allein in den nächsten beiden Jahren entstanden über 1000 neue Turnvereine. Ab 2010 werden sich deshalb in Deutschland die 150-jährigen Vereinsjubiläen häufen und parallel dazu auch die 150-jährigen Feuerwehrjubiläen, denn die Turner wendeten sich jetzt wieder mit voller Kraft dem Löschwesen zu. Auch das 1. Deutsche Turn- und Jugendfest in Coburg war, was häufig übersehen wird, gleichzeitig ein Feuerwehrfest (11).

 

In Coburg betrat mit Theodor Georgii, dem Vorsitzenden des Schwäbischen Turnerbundes, ein Mann die nationale Bühne, der von Anfang an dem Feuerlöschwesen auf das engste verbunden war. Georgii (1826 – 1892) war in vieler Beziehung ein Mann der ersten Stunde. Als angehender Jurastudent bezog er 1843 die Universität Tübingen und schloss sich dort den Burschenschaftern an. 1845 war er dabei, als die Tübinger Turngemeinde gegründet wurde und 1847 gehörte er auch zu den Gründern des Tübinger Pompierkorps. Bei der Gründung des Schwäbischen Turnerbundes wirkte Georgii führend mit und 1852 rief er in seiner Vaterstadt die Esslinger Steigerkompagnie ins Leben, deren Hauptmann er wurde. Schon 1851 hatte auf sein Betreiben der allgemeine schwäbische Turntag in Stuttgart beschlossen: „Die allgemeine Beteiligung der Turngemeinden an den Feuerwehren wird als Grundsatz aufgestellt.“ (12) 1860 gehörte Georgii zu den Initiatoren des Coburger Turnfestes und 1868 wurde er als erster zum Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft gewählt. Wo immer es möglich war, nutzte er seine Stellung in der Turnbewegung, um für das Feuerlöschwesen zu werben. So wurde denn das 3. Deutsche Turnfest (1863) in Leipzig durch die wiederholten Demonstrationen der Leipziger Turnerfeuerwehr zu einer viel beachteten Werbeaktion für das Turnerfeuerwehrwesen – und so war es auf vielen Turnfesten, auch beim 4. Bayerischen Bundesturnfest 1874 in Regensburg, wo die Vorführungen der Feuerwehr zu den wichtigsten Programmpunkten der Festfolge gehörte.

Nach 1860 blieb das Turnerfeuerwehrwesen nicht mehr auf Süd- und Südwestdeutschland beschränkt. Jetzt erfasste die Gründungswelle auch Preußen, wo es vorher wegen der Turnsperre kaum zur Gründung von Turnerfeuerwehren gekommen war, und auch in Preußen ging die Initiative zur Gründung freiwilliger Feuerwehren zunächst meist von den Turnern aus und orientierte sich an den südwestdeutschen Vorbildern.

Die turnerischen Aktivitäten blieben weiterhin den alten Zielen verpflichtet. So wie die Burschenschaften in der Frühzeit, nahmen jetzt die deutschen Turnfeste symbolisch und demonstrativ die nationale Einheit vorweg. Auch die Turnerfeuerwehren blieben ein Vehikel zur Erreichung politischer Ziele. Es ging den Turnern immer noch darum, im Sinne Jahns (und des Freiherrn vom Stein) für Volk und Vaterland kräftig zu wirken und sich mit der eigenverantwortlichen Übernahme hoheitlicher Aufgaben auch demokratische Mitbestimmungsrechte zu sichern. Zudem waren die Turnerfeuerwehren Institutionen, in denen demokratische Verhaltensweisen galten und eingeübt wurden: Alle Ämter wurden durch demokratische Wahl vergeben, alle wichtigen Beschlüsse wurden von den Mitgliedern mit einfacher Mehrheit gefasst. Damit folgten die Turnerfeuerwehren einer Traditionslinie, die auf dem Turnplatz in der Hasenheide begonnen hatte, und trugen dazu bei, nicht nur der allmählichen Verlagerung von staatlichen Kompetenzen auf die Selbstverwaltungsebene den Weg zu bereiten, sondern auch die Bevölkerung auf die Mitwirkung im Staat vorzubereiten.

Die Turnerfeuerwehren nach der Reichsgründung
Mit der Reichsgründung änderte sich die Situation allmählich: Die nationale Einheit war erreicht (wenn auch ohne Zutun der Turner) und der Kampf gegen den deutschen Partikularismus damit zu Ende. Zwar blieben die Turner auch im Wilhelminischen Kaiserreich ihren unerfüllten liberalen Vorstellungen verpflichtet und hielten an den alten Reichsfarben schwarz-rotgold fest, aber auf der unteren Ebene hatte man doch einiges erreicht. Das freiwillige Feuerwehrwesen und damit auch die Turnerfeuerwehren waren jetzt selbst in Preußen allgemein anerkannt. Zwar musste man mit dem Löschdienst als hoheitlicher Aufgabe noch immer von den Behörden „beliehen“ werden, konnte dann aber eigenverantwortlich agieren. Und in die inneren Angelegenheiten der Feuerwehren mischten sich die Behörden nicht ein. Auch wenn das neue Reich nicht in der Tradition der Paulskirche stand, man arrangierte sich. Die zunehmende Militarisierung des Lebens stieß bei den militärisch organisierten Wehren sogar auf Zustimmung.


Die flächendeckende Sicherstellung eines effektiven Feuerlöschwesens wurde nach der Reichsgründung als eine wichtige Aufgabe der staatlichen Daseinsvorsorge vorangetrieben. Dabei setzten die Behörden jetzt auf das erfolgreiche Modell der freiwilligen Feuerwehren. Neben freiwilligen Feuerwehren wurden auch weiterhin Turnerfeuerwehren gegründet, doch nun waren es oft nicht mehr die Turnvereine, die bei den Behörden um die Erlaubnis zur Gründung einer Feuerwehr nachsuchen mussten – jetzt waren es die Behörden selbst, die die Turnvereine zu Hilfe riefen, wie z.B. in der aufstrebenden Hafenstadt Geestemünde (heute Bremerhaven), wo 1889 der Turnverein von der Stadtverwaltung gebeten wurde, eine „freiwillige Turner-Feuerwehr“ zu bilden und den Brandschutz der Stadt, des Handels- und des Petroleumhafens zu übernehmen. So war es auch anderswo: Aufgrund einer Verfügung der Bezirksregierung Stade, zum Beispiel, wurden 1902 freiwillige Turner-Feuerwehren auch in Freschluneberg und Westerbeverstedt gegründet.

Turnerfeuerwehren waren die Vorreiter des bürgerschaftlichen Engagements
Die für uns Heutigen gar nicht mehr nachvollziehbare, für die damaligen Menschen aber offenbar nicht ungewöhnliche Beauftragung des Geestemünder Turnvereins mit der Sicherstellung des Brandschutzes für Stadt und Hafen zeigt, welches außerordentliche Vertrauen sich die Turnerfeuerwehren erworben hatten und welche Kompetenz den Turnvereinen auf diesem Gebiet zugeschrieben wurde. „Turner standen an den Wiegen von Freiwilligen Feuerwehren“, nennt Egid Fleck seinen Aufsatz, aber sie standen nicht nur an den Wiegen: Turnerfeuerwehren waren 100 Jahre lang ein wesentlicher und überall bekannter Teil des Brandschutzes. Umso erstaunlicher, dass über ihre Geschichte so wenig bekannt ist.

Diese Geschichte begann 1843 in Hanau, sie endete 1938, als im Rahmen der nationalsozialistischen Gleichschaltung die traditionsreichen Turnerfeuerwehren in die Feuerschutzpolizei eingegliedert wurden. Wie die Turnbewegung insgesamt, so ist auch das Turnerfeuerwehrwesen auf das Engste mit der deutschen Nationalgeschichte verwoben: Im Vormärz mit Misstrauen betrachtet, nach der Revolution von 1848/49 als politisch gefährlich verboten, später zunehmend als verlässliche Partner im Katastrophenschutz geschätzt, nehmen die Turnerfeuerwehren in der Geschichte des bürgerschaftlichen Engagements einen einzigartigen Vorreiterplatz ein. Unter dem turngeschichtlichen Blickwinkel wäre es deshalb äußerst wünschenswert, wenn dieses Kapitel der Turngeschichte wieder die gebührende Aufmerksamkeit erhielte und wenn unter diesem Aspekt die polische und gesellschaftliche Rolle der Turner eine neue Bewertung erführe.

 


Bild 1: Carl Metz (1818 – 1877), Turnlehrer und Ingenieur

Bild 2: Die Deutsche Turnzeitung zeigt einen Turner und einen Feuerwehrturner im Titel: Löschwesen ist Turnwesen und Turnwesen ist Löschwesen!

Bild 3: Theodor Georgii (1826 – 1892), Der erste Vorsitzende der DT

Bild 4: Helm eines sächsischen Turnerfeuerwehrmannes (mit Turnerkreuz und den Farben Schwarz-Rot-Gold!), Aus der Sammlung G. Sandvoss


Karl Thielecke


Anmerkungen

(1) Jahn/Eiselen, Die Deutsche Turnkunst , Vierter Abschnitt, II Die Turngesetze

(2) Dieter Langewiesche, in: Nation, Nationalismus und Nationalstaat in Deutschland und Europa, München 200, S. 103 - 131

(3) www.jahn.museum.de >> Bibliothek

(4) Daniel Leupold, Die freiwilligen Feuerwehren in der Rheinprovinz bis 1918 (Dissertation) Köln 2003

(5) Möglicherweise begann die Geschichte der Turnerfeuerwehren schon 1841 mit der Gründung eines „ Freiwilligen Lösch- und Rettungs-Corps“ in Meißen. Es ist aber nicht klar, ob es sich hier um eine Turnerfeuerwehr handelte.

(6) Vorbild der Durlacher Wehr waren die französischen „Sapeur-Pompier-Corps“, daher der Name.

(7) In Heidelberg wurde die Löschmannschaft von Burschenturnern gegründet.

(8) Horst Ueberhorst „Die Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns – Von den historisch-politischen Dimensionen des Turnens“, www.jahn-museum.de >>Bibliothek

(9) Am 24. August 1847 wird in Karlsruhe erstmals der Begriff „Feuerwehr“ (in Anlehnung an „Bürgerwehr) benutzt.

(10) Homepage der Freiwilligen Feuerwehr Hanau-Mitte/Geschichte

(11) Darauf weist Georgii hin.

(12) Egid Fleck, „Turner standen an den Wiegen von Freiwilligen Feuerwehren“, www.jahn-museum.de >> Bibliothek

Johann Christoph Friedrich GutsMuths wird 250 und ist jetzt online

In unserer geschichtslosen Zeit ist die Erinnerung an Johann Christoph Friedrich GutsMuths leider ein wenig verblasst. Dabei ist er doch einer der ganz Großen in der Weltgeschichte der Leibesübungen und der Leibeserziehung. Als Vorgänger und Wegbereiter des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn ist er in gewisser Hinsicht sogar der „Großvater“ des Turnens.

Aber auch als Begründer der Schulgeographie und als einer der bedeutendsten Pädagogen des 19. Jahrhunderts hat er sich unauslöschliche Verdienste erworben.

Im kommenden Jahr begehen wir seinen 250. Geburtstag mit Feiern in seiner Geburtstadt Quedlinburg und an seiner Wirkungsstätte in Schnepfenthal. Auch beim Deutschen Turnfest in Frankfurt wird seiner in würdiger Form gedacht werden.

Ein Jahr Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek im Internet

Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Förderverein in Freyburg an der Unstrut hat sich das Ziel gesetzt, die Erinnerung an die Person und das Werk Friedrich Ludwig Jahns zu bewahren. Zu diesem Zweck wurde vor etwa einem Jahr mit dem Aufbau einer virtuellen Bibliothek im Internet begonnen, die der Leser unter www.jahn-museum.de >> Bibliothek findet.

Aufgabe dieser Textdatenbank soll es unter anderem sein, der ungerechtfertigten Einengung des Jahnbildes auf die Rolle des „Turnvaters“ entgegenzuwirken, denn Jahn war mehr als nur der Begründer des Gerätturnens, als der er heute häufig nur noch gesehen wird. Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek soll Bausteine für ein komplexeres, differenzierteres und damit realitätsnäheres Bild seines vielschichtigen Wirkens liefern. Durch die Einbettung in die geschichtlichen Zusammenhänge soll die Sammlung zum Verständnis des Phänomens „Jahn“ beitragen und seine turnerische, politische, pädagogische und sprachpflegerische Wirkungsgeschichte nachzeichnen. Dabei wird nicht unterschlagen, dass Jahn schon zu seinen Lebzeiten eine umstrittene Persönlichkeit war und dass sich an ihm auch heute noch die Geister scheiden. Die Texte berücksichtigen daher unterschiedliche Standpunkte der Jahn-Rezeption. Es soll aber auch deutlich werden, welche bleibenden Verdienste er sich bei allem Streit um seine Person erworben hat und in welch erstaunlichem Maße die Geschichte des deutschen Turnens und die deutsche Nationalgeschichte miteinander verwoben sind.

Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek umfasst inzwischen über fünfzig sorgfältig ausgewählte Titel und bietet damit interessanten und anregenden Lesestoff für viele, viele Stunden. Sie ist trotz dieser noch überschaubaren Zahl von Büchern und Artikeln bereits die größte zusammenhängende turngeschichtliche Textsammlung im Internet und sie wächst ständig weiter.

Um dem interessierten Leser einen leichteren Zugang zu ermöglichen, werden vier Texte als Einstiegslektüre besonders empfohlen:

(1) Gertrud Pfister beschäftigt sich in „Biographien und Wirklichkeiten – Friedrich Ludwig Jahn als soziales Konstrukt“ mit den Schwierigkeiten, die der Versuch historische Ereignisse oder Personen zu rekonstruieren, mit sich bringt. Dieser grundlegende Aufsatz ist ein rechter Augenöffner für Nicht-Historiker.

(2) Horst Ueberhorst gibt in „Die Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns“ einen gut lesbaren Überblick über die Geschichte des Turnens und ihre Schlüsselfigur Friedrich Ludwig Jahn und lenkt dabei den Blick auf die historisch-politischen Dimensionen des Turnens.

(3) Karen Hagemann hat ihren Aufsatz „Deutschheit, Mannheit, Freiheit“ anlässlich des 150. Todestags Jahns in Die Zeit veröffentlicht. Manchen Leser, der Jahn bis jetzt immer nur als den „Turnvater“ wahrgenommen hat, wird es wundern, Jahn dort vorrangig als einen Politiker kennenzulernen.

(4) Hans-Joachim Bartmuß schließlich macht sich, wie es dem Vorsitzenden des Friedrich-Ludwig-Jahn-Fördervereins wohl zukommt, gründliche „Gedanken zur Jahn Tradition“.

Zu den besonderen Kostbarkeiten der Bibliothek gehören digitalisierte Originalausgaben von Jahns „Deutsches Volksthum“ (2. Auflage von 1817) und dem später dazu von ihm verfassten und weniger bekannten Buch „Merke zum deutschen Volksthum“ (1833) sowie der Aufsatz „Volk, Leut und Deut“, den er als Mitbegründer der Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache und Alterthumskunde schrieb. Ebenso rar ist eine digitalisierte Ausgabe von Johann Christoph Friedrich GutsMuths „Turnbuch für die Söhne des Vaterlands“ (1. Auflage von 1817).

Die letztjährigen Jahrestage des Wartburgfestes und des Hambacher Festes haben zur Bildung eines besonderen Schwerpunkts in der Textsammlung geführt: Besonders wertvoll sind die digitalisierten Originalausgaben der ersten Beschreibung des Wartburgfestes von Hans Ferdinand Maßmann und des ersten Zeitschriftenberichts über dieses Fest aus der Zeitschrift ISIS von Prof. Lorenz Oken. Auch sonst ermöglicht die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek schon viele Zeitreisen in ein unbekanntes Land, wo wir zum Beispiel mit Erstaunen feststellen, dass es Turner waren, die an den Wiegen der meisten deutschen Feuerwehren standen. Lassen Sie sich einladen und überraschen!

Und noch ein Wort zur Klärung: Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek wendet sich nicht an die Fachwissenschaft, sondern in erster Linie an die interessierte Öffentlichkeit. Sie soll zu einer vertieften Beschäftigung mit Jahns Person und Werk und der Turngeschichte anregen. Es ist, das sei hier ausdrücklich gesagt, nicht das Ziel des Projektes, eine wissenschaftliche Bibliothek mit dem Anspruch enzyklopädischer Vollständigkeit zu errichten.

Karl Thielecke

August Schärttner – Turner und Revolutionär

Ein beinahe vergessener Geburtstag

Vor 190 Jahren (1) begann in Hanau das kurze, aber bewegte Leben des August Ferdinand Schärttner, der in der deutschen Turnbewegung und in der Revolution von 1848/49 eine führende Rolle spielte und heute doch fast vergessen ist.

Schärttner hatte bei seinem Vater das Küfnerhandwerk gelernt und war dann auf „die Walz“ gegangen. Nach seiner Rückkehr (1837) schloss er sich der soeben erst gegründeten Turngemeinde Hanau an, wurde 1841 deren Vorsitzender und zwei Jahre später Gründungsmitglied der Hanauer Turnerfeuerwehr. Damit war er einer der Pioniere des Turnerfeuerwehrwesens, das sichtbarer Ausdruck des Gemeingeistes und des Bürgersinns der frühen Turnbewegung war. Schärttner war 1844 auch für die turnerische Leitung des ersten Feldbergfestes (2) verantwortlich.

Als ein Mann mit starken politischen Überzeugungen begann Schärttner schon 1840 Kontakte mit Turnern aus Frankfurt, Offenbach und Mainz zu knüpfen, aus denen sich der erste deutsche Turnverband, der Rheinischhessische Turnbezirk, entwickelte. Nachdem er im Revolutionsjahr 1848 als Mitglied der Hanauer Volkskommission dem Kurfürsten von Hessen-Kassel neben anderen Grundrechten die Versammlungsfreiheit abgerungen hatte, erließ die Hanauer Turngemeinde am 19. März 1848 an alle deutschen Turnvereine eine Einladung zu einer Zusammenkunft in Hanau am 2. April. Das Ergebnis dieses ersten Deutschen Turntages, an dem auch Friedrich Ludwig Jahn teilnahm (3), war die Gründung des Deutschen Turnerbundes. Hanau wurde zum geschäftsführenden Vorort bestimmt. Dieser erste Deutsche Turnerbund war nun allerdings kein Verband für Leibesübungen im heutigen Sinne, sondern eher eine politische Organisation mit den Aufgaben einer (damals noch nicht zulässigen) politischen Partei.

Da sich die Turner im April nicht auf gemeinsame politische Ziele hatten einigen können, berief Schärttner einen zweiten Turntag für den 2./3. Juli, wieder in Hanau, ein. Uneinigkeit über die Frage, ob das erstrebte wiedervereinigte Deutschland eine konstitutionelle Monarchie oder eine Republik sein solle, führte zum Bruch zwischen Schärttner und Jahn und zu einer Spaltung des jungen DTB. Schärttner legte den Vorsitz nieder und gründete mit seinen Parteigängern den Demokratischen Turnerbund.

In den Jahren 1848/49 überschlugen sich in Deutschland die Ereignisse. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wurde 1849 von der Frankfurter Nationalversammlung die deutsche Kaiserkrone angeboten, die er aber ablehnte. Als Folge kam es überall in Deutschland zu Unruhen und Revolutionen, von denen die Badische Revolution die bedeutendste war und am konsequentesten das Ziel einer demokratischen Republik verfolgte. Schärttner mobilisierte ein aus Hanauer und Bockenheimer Turnern bestehendes Bataillon und eilte den badischen Gesinnungsgenossen zu Hilfe. Die Badische Revolution wurde jedoch von den vereinigten fürstlichen Armeen niedergeschlagen und Schärttner rettete sich mit den Resten seiner Turnerwehr ins Schweizer Exil. Aus der Schweiz emigrierte er über Frankreich nach London und eröffnete dort ein Lokal, das vor allem von deutschen Emigranten frequentiert wurde. Zu seinen Gästen gehörten so bekannte Persönlichkeiten wie Karl Schurz, Karl Marx und auch der berühmte Architekt Gottfried Semper aus Dresden. Schärttner trat dem „Bund der Kommunisten“ und dem „kommunistischen Arbeiterbildungsverein“ bei (4), überwarf sich aber aus politischen Gründen schließlich mit Karl Marx.

Im Oktober 1857 (acht Jahre nach der Revolution!) wurde Schärttner im Hanauer Turnerprozess in Abwesenheit wegen Hochverrats zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt – einer Strafe, die er natürlich nie antreten musste. Am 22. Februar 1859 verstarb er im Alter von nur 42 Jahren in London. Dort ist er auch begraben.

Dem Turner und Revolutionär August Schärttner wurde nachgesagt, ein rechtschaffener Mann gewesen zu sein, der sich (wie Karl Marx in einem Brief an Friedrich Engels schrieb) unerbittlich für soziale Gerechtigkeit und die Einheit Deutschlands in einer Demokratie eingesetzt habe. Er verdient es, dass wie ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.

Karl Thielecke


Anmerkungen:

(1) Der beinahe vergessene Geburtstag war der 31. Januar 1817

(2) Zum ersten Feldbergfest hatte August Ravenstein aus Frankfurt aufgerufen. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: „Nach Ravensteins Rede begannen die Turner der Hanauer Turngesellschaft unter August Schärttner mit den turnerischen Vorführungen. Den Anfang machte der Schneckenaufmarsch, dem das Steinstoßen der Geübten folgte; hieran reihten sich das Ziehringen als Massenkampf, ferner sechs von je acht Turnern gleichzeitig ausgeführte Ringelmühlen und schließlich Freiübungen. Mit fünf gleichzeitig aufgestellten Pyramiden und einem "Lebehoch" endigte das Gebotene. Mit klingendem Spiel ging es dann den Berg hinunter.“

(3) Jahn wohnte in Hanau bei Schärttner und hielt auf dem ersten Turntag eine feurige Rede.

(4) Wegen seiner Mitgliedschaft im „Bund der Kommunisten“ genoss Schärttner in der DDR besondere Wertschätzung. So wurde z. B. die Gerätturnhalle der DHfK in Leipzig nach ihm benannt. Die Halle trägt auch heute noch seinen Namen.