Pressedienst

Der Jahn-Pressedienst ist ein Service der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft e.V. mit Sitz in Freyburg (Unstrut). Er stellt den Verbandsorganen der Landesturnverbände im Deutschen Turner-Bund und allen anderen interessierten Zeitungen und Zeitschriften Artikel zu Themen des Turnens und der Turngeschichte (unter besonderer Berücksichtigung von Beiträgen über Friedrich Ludwig Jahn) zum Nachdruck zur Verfügung. Der Nachdruck ist kostenfrei und genehmigungsfrei. Unter dem Artikel ist der Vermerk [Jahn-Pressedienst] aufzunehmen. Um ein Belegexemplar wird gebeten. Die vom Jahn-Pressedienst veröffentlichten Artikel werden unter Pressedienst auf der Homepage der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft zum Herunterladen archiviert und können auch zu einem späteren Zeitpunkt verwendet werden.

 

Unsere Kontaktadresse: Jahn-Pressedienst, Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft e.V., Schlossstraße 11, 06632 Freyburg/Unstrut, Telefon 034464 27426, E-Mail Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Ein Jahr Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek im Internet

Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Förderverein in Freyburg an der Unstrut hat sich das Ziel gesetzt, die Erinnerung an die Person und das Werk Friedrich Ludwig Jahns zu bewahren. Zu diesem Zweck wurde vor etwa einem Jahr mit dem Aufbau einer virtuellen Bibliothek im Internet begonnen, die der Leser unter www.jahn-museum.de >> Bibliothek findet.

Aufgabe dieser Textdatenbank soll es unter anderem sein, der ungerechtfertigten Einengung des Jahnbildes auf die Rolle des „Turnvaters“ entgegenzuwirken, denn Jahn war mehr als nur der Begründer des Gerätturnens, als der er heute häufig nur noch gesehen wird. Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek soll Bausteine für ein komplexeres, differenzierteres und damit realitätsnäheres Bild seines vielschichtigen Wirkens liefern. Durch die Einbettung in die geschichtlichen Zusammenhänge soll die Sammlung zum Verständnis des Phänomens „Jahn“ beitragen und seine turnerische, politische, pädagogische und sprachpflegerische Wirkungsgeschichte nachzeichnen. Dabei wird nicht unterschlagen, dass Jahn schon zu seinen Lebzeiten eine umstrittene Persönlichkeit war und dass sich an ihm auch heute noch die Geister scheiden. Die Texte berücksichtigen daher unterschiedliche Standpunkte der Jahn-Rezeption. Es soll aber auch deutlich werden, welche bleibenden Verdienste er sich bei allem Streit um seine Person erworben hat und in welch erstaunlichem Maße die Geschichte des deutschen Turnens und die deutsche Nationalgeschichte miteinander verwoben sind.

Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek umfasst inzwischen über fünfzig sorgfältig ausgewählte Titel und bietet damit interessanten und anregenden Lesestoff für viele, viele Stunden. Sie ist trotz dieser noch überschaubaren Zahl von Büchern und Artikeln bereits die größte zusammenhängende turngeschichtliche Textsammlung im Internet und sie wächst ständig weiter.

Um dem interessierten Leser einen leichteren Zugang zu ermöglichen, werden vier Texte als Einstiegslektüre besonders empfohlen:

(1) Gertrud Pfister beschäftigt sich in „Biographien und Wirklichkeiten – Friedrich Ludwig Jahn als soziales Konstrukt“ mit den Schwierigkeiten, die der Versuch historische Ereignisse oder Personen zu rekonstruieren, mit sich bringt. Dieser grundlegende Aufsatz ist ein rechter Augenöffner für Nicht-Historiker.

(2) Horst Ueberhorst gibt in „Die Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinns“ einen gut lesbaren Überblick über die Geschichte des Turnens und ihre Schlüsselfigur Friedrich Ludwig Jahn und lenkt dabei den Blick auf die historisch-politischen Dimensionen des Turnens.

(3) Karen Hagemann hat ihren Aufsatz „Deutschheit, Mannheit, Freiheit“ anlässlich des 150. Todestags Jahns in Die Zeit veröffentlicht. Manchen Leser, der Jahn bis jetzt immer nur als den „Turnvater“ wahrgenommen hat, wird es wundern, Jahn dort vorrangig als einen Politiker kennenzulernen.

(4) Hans-Joachim Bartmuß schließlich macht sich, wie es dem Vorsitzenden des Friedrich-Ludwig-Jahn-Fördervereins wohl zukommt, gründliche „Gedanken zur Jahn Tradition“.

Zu den besonderen Kostbarkeiten der Bibliothek gehören digitalisierte Originalausgaben von Jahns „Deutsches Volksthum“ (2. Auflage von 1817) und dem später dazu von ihm verfassten und weniger bekannten Buch „Merke zum deutschen Volksthum“ (1833) sowie der Aufsatz „Volk, Leut und Deut“, den er als Mitbegründer der Berlinischen Gesellschaft für Deutsche Sprache und Alterthumskunde schrieb. Ebenso rar ist eine digitalisierte Ausgabe von Johann Christoph Friedrich GutsMuths „Turnbuch für die Söhne des Vaterlands“ (1. Auflage von 1817).

Die letztjährigen Jahrestage des Wartburgfestes und des Hambacher Festes haben zur Bildung eines besonderen Schwerpunkts in der Textsammlung geführt: Besonders wertvoll sind die digitalisierten Originalausgaben der ersten Beschreibung des Wartburgfestes von Hans Ferdinand Maßmann und des ersten Zeitschriftenberichts über dieses Fest aus der Zeitschrift ISIS von Prof. Lorenz Oken. Auch sonst ermöglicht die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek schon viele Zeitreisen in ein unbekanntes Land, wo wir zum Beispiel mit Erstaunen feststellen, dass es Turner waren, die an den Wiegen der meisten deutschen Feuerwehren standen. Lassen Sie sich einladen und überraschen!

Und noch ein Wort zur Klärung: Die Friedrich-Ludwig-Jahn-Bibliothek wendet sich nicht an die Fachwissenschaft, sondern in erster Linie an die interessierte Öffentlichkeit. Sie soll zu einer vertieften Beschäftigung mit Jahns Person und Werk und der Turngeschichte anregen. Es ist, das sei hier ausdrücklich gesagt, nicht das Ziel des Projektes, eine wissenschaftliche Bibliothek mit dem Anspruch enzyklopädischer Vollständigkeit zu errichten.

Karl Thielecke

August Schärttner – Turner und Revolutionär

Ein beinahe vergessener Geburtstag

Vor 190 Jahren (1) begann in Hanau das kurze, aber bewegte Leben des August Ferdinand Schärttner, der in der deutschen Turnbewegung und in der Revolution von 1848/49 eine führende Rolle spielte und heute doch fast vergessen ist.

Schärttner hatte bei seinem Vater das Küfnerhandwerk gelernt und war dann auf „die Walz“ gegangen. Nach seiner Rückkehr (1837) schloss er sich der soeben erst gegründeten Turngemeinde Hanau an, wurde 1841 deren Vorsitzender und zwei Jahre später Gründungsmitglied der Hanauer Turnerfeuerwehr. Damit war er einer der Pioniere des Turnerfeuerwehrwesens, das sichtbarer Ausdruck des Gemeingeistes und des Bürgersinns der frühen Turnbewegung war. Schärttner war 1844 auch für die turnerische Leitung des ersten Feldbergfestes (2) verantwortlich.

Als ein Mann mit starken politischen Überzeugungen begann Schärttner schon 1840 Kontakte mit Turnern aus Frankfurt, Offenbach und Mainz zu knüpfen, aus denen sich der erste deutsche Turnverband, der Rheinischhessische Turnbezirk, entwickelte. Nachdem er im Revolutionsjahr 1848 als Mitglied der Hanauer Volkskommission dem Kurfürsten von Hessen-Kassel neben anderen Grundrechten die Versammlungsfreiheit abgerungen hatte, erließ die Hanauer Turngemeinde am 19. März 1848 an alle deutschen Turnvereine eine Einladung zu einer Zusammenkunft in Hanau am 2. April. Das Ergebnis dieses ersten Deutschen Turntages, an dem auch Friedrich Ludwig Jahn teilnahm (3), war die Gründung des Deutschen Turnerbundes. Hanau wurde zum geschäftsführenden Vorort bestimmt. Dieser erste Deutsche Turnerbund war nun allerdings kein Verband für Leibesübungen im heutigen Sinne, sondern eher eine politische Organisation mit den Aufgaben einer (damals noch nicht zulässigen) politischen Partei.

Da sich die Turner im April nicht auf gemeinsame politische Ziele hatten einigen können, berief Schärttner einen zweiten Turntag für den 2./3. Juli, wieder in Hanau, ein. Uneinigkeit über die Frage, ob das erstrebte wiedervereinigte Deutschland eine konstitutionelle Monarchie oder eine Republik sein solle, führte zum Bruch zwischen Schärttner und Jahn und zu einer Spaltung des jungen DTB. Schärttner legte den Vorsitz nieder und gründete mit seinen Parteigängern den Demokratischen Turnerbund.

In den Jahren 1848/49 überschlugen sich in Deutschland die Ereignisse. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wurde 1849 von der Frankfurter Nationalversammlung die deutsche Kaiserkrone angeboten, die er aber ablehnte. Als Folge kam es überall in Deutschland zu Unruhen und Revolutionen, von denen die Badische Revolution die bedeutendste war und am konsequentesten das Ziel einer demokratischen Republik verfolgte. Schärttner mobilisierte ein aus Hanauer und Bockenheimer Turnern bestehendes Bataillon und eilte den badischen Gesinnungsgenossen zu Hilfe. Die Badische Revolution wurde jedoch von den vereinigten fürstlichen Armeen niedergeschlagen und Schärttner rettete sich mit den Resten seiner Turnerwehr ins Schweizer Exil. Aus der Schweiz emigrierte er über Frankreich nach London und eröffnete dort ein Lokal, das vor allem von deutschen Emigranten frequentiert wurde. Zu seinen Gästen gehörten so bekannte Persönlichkeiten wie Karl Schurz, Karl Marx und auch der berühmte Architekt Gottfried Semper aus Dresden. Schärttner trat dem „Bund der Kommunisten“ und dem „kommunistischen Arbeiterbildungsverein“ bei (4), überwarf sich aber aus politischen Gründen schließlich mit Karl Marx.

Im Oktober 1857 (acht Jahre nach der Revolution!) wurde Schärttner im Hanauer Turnerprozess in Abwesenheit wegen Hochverrats zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt – einer Strafe, die er natürlich nie antreten musste. Am 22. Februar 1859 verstarb er im Alter von nur 42 Jahren in London. Dort ist er auch begraben.

Dem Turner und Revolutionär August Schärttner wurde nachgesagt, ein rechtschaffener Mann gewesen zu sein, der sich (wie Karl Marx in einem Brief an Friedrich Engels schrieb) unerbittlich für soziale Gerechtigkeit und die Einheit Deutschlands in einer Demokratie eingesetzt habe. Er verdient es, dass wie ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.

Karl Thielecke


Anmerkungen:

(1) Der beinahe vergessene Geburtstag war der 31. Januar 1817

(2) Zum ersten Feldbergfest hatte August Ravenstein aus Frankfurt aufgerufen. In einem zeitgenössischen Bericht heißt es: „Nach Ravensteins Rede begannen die Turner der Hanauer Turngesellschaft unter August Schärttner mit den turnerischen Vorführungen. Den Anfang machte der Schneckenaufmarsch, dem das Steinstoßen der Geübten folgte; hieran reihten sich das Ziehringen als Massenkampf, ferner sechs von je acht Turnern gleichzeitig ausgeführte Ringelmühlen und schließlich Freiübungen. Mit fünf gleichzeitig aufgestellten Pyramiden und einem "Lebehoch" endigte das Gebotene. Mit klingendem Spiel ging es dann den Berg hinunter.“

(3) Jahn wohnte in Hanau bei Schärttner und hielt auf dem ersten Turntag eine feurige Rede.

(4) Wegen seiner Mitgliedschaft im „Bund der Kommunisten“ genoss Schärttner in der DDR besondere Wertschätzung. So wurde z. B. die Gerätturnhalle der DHfK in Leipzig nach ihm benannt. Die Halle trägt auch heute noch seinen Namen.

Das Wartburgfest 1817 - Der Anfang der deutschen Bewegung im 19. Jahrhundert

Als das politische Deutschland im Mai dieses Jahres den 175. Jahrestag des Hambacher Festes als einen Meilenstein auf dem Wege zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland würdigte, wird kaum einem der Festredner bewusst gewesen sein, dass der Aufbruch der Deutschen zu einem einigen und demokratisch verfassten Staat schon fünfzehn Jahre vorher auf der Wartburg stattgefunden hatte (1) und dass die Ergebnisse des Wartburgfestes die politische Agenda nicht nur von Hambach, sondern auch die der folgenden 150 Jahre nachhaltig beeinflusst haben.

Die Vorgeschichte
Nach den Befreiungskriegen erhofften sich die meisten Deutschen die Wiederherstellung des Deutschen Reiches und die Errichtung eines rechtsstaatlich-demokratischen Staatswesens, so wie es die Fürsten in der Stunde der Not versprochen hatten. Der Wiener Kongress (1815) machte diese Träume zunichte. Vor allem die Studenten, von denen viele 1813 Leib und Leben für die Freiheit Deutschlands eingesetzt hatten, fühlten sich betrogen. 1815 gründeten Jenaer Studenten, viele von ihnen Turner und ehemalige Lützower Jäger, mit Unterstützung des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn die Urburschenschaft, deren Ziel es war, alle deutschen Studenten zusammenzufassen, das landsmannschaftliche Denken zu überwinden und den Nationalgedanken zu pflegen. Von Jena aus erging zu diesem Zweck (möglicherweise auf Betreiben Jahns) im Sommer 1817 an 13 deutsche Universitäten die Einladung zu einem Fest auf der Wartburg. Anlass sollten der 300. Jahrestag des Thesenanschlags Martin Luthers (31. Okt. 1517), die vierte Wiederkehr der Völkerschlacht bei Leipzig (16.-19. Okt. 1813) und ein erstes Bundesfest der Burschenschaft sein. Die Wartburg war in Erinnerung an die Übersetzung des Neuen Testaments und die Schaffung der deutschen Schriftsprache durch Luther gewählt worden und weil sie in Sachsen-Weimar-Eisenach, dem liberalsten unter den deutschen Kleinstaaten, lag.

Das Fest auf der Wartburg
Die Einladung erregte überall Begeisterung und das Fest wurde, trotz der Warnungen mehrerer Regierungen, von Großherzog Carl August genehmigt, der die Behörden anwies, die Feiern zu unterstützen - und den Landsturm zum eventuellen Einsatz gegen die Studenten in Bereitschaft zu versetzen! Insgesamt trafen mehr als 450 Studenten (d.h. jeder 20. der damals Studierenden!) von allen deutschen Universitäten, viele Altakademiker und einige liberale Professoren in Eisenach ein. Am Morgen des 18. Oktobers 1817 begaben sich die Teilnehmer, immer zu zweit gehend, in einem langen Zug zur Wartburg hinauf. Dabei führten sie die Fahne der Jenaischen Burschenschaft in den Farben rot-schwarz-rot mit goldenen Fransen und mit goldenem Eichenlaub bestickt (2) mit sich.
Das Fest hatte in Erinnerung an die Reformation deutliche religiöse und nationale Züge. Man betete und sang Ein feste Burg ist unser Gott und Nun danket alle Gott. Heinrich Herrmann Riemann hielt eine mutige und selbstbewusste Rede, in der er die glückliche Befreiung Deutschlands mit dem Auszug der Kinder Israel aus Ägypten verglich. Professor Lorenz Oken forderte die Auflösung der Landsmannschaften und sprach sich gegen die Zersplitterung Deutschlands aus. Bei einem gemeinsamen Mittagessen wurden viele patriotische Trinksprüche ausgebracht.
Anschließend zog man zur Stadt zurück und feierte gemeinsam mit dem Landsturm einen Gottesdienst in der Marktkirche. Danach kam es zu einer Verbrüderung mit dem Landsturm und zur Vorführung Jahnscher Turnübungen vor den staunenden Eisenacher Bürgern.

Die Bücherverbrennung auf dem Wartenberg
Am Abend zogen die Studenten in einem Fackelzug auf den nahen Wartenberg und entzündeten zur Erinnerung an den Sieg über Napoleon ein Siegesfeuer. Hauptredner war hier Ludwig Rödiger, der in einer begeistert aufgenommenen Rede den studentischen Unmut scharf artikulierte. Der Protest erreichte einen Höhepunkt, als einige Studenten unter Führung des Jahnschülers Hans Ferdinand Maßmann begannen, „undeutsche“ Bücher, wie den Code Napoleon, Kotzebues Geschichte des deutschen Reichs und Saul Aschers Germanomanie unter entsprechenden Kommentaren zu verbrennen. Den Flammen überantwortet wurden als Symbole des verhassten reaktionären Geistes auch ein preußischer Ulanenschnürleib, ein hessischer Militärzopf und ein österreichischer Korporalstock (3). Das erregte in besonderem Maße den Unwillen der regierenden Fürsten.

Die Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktobers
Das Wartburgfest wurde am 19. Oktober mit einer Diskussion über Fragen der studentischen Verantwortung gegenüber dem Staat fortgesetzt. Höhepunkt war eine Rede des Heidelberger Studenten Friedrich Wilhelm Carové. Eine Zusammenfassung (und wahrscheinlich Ergänzung) der Ergebnisse der Diskussionen auf der Wartburg erarbeitete später ein kleiner Kreis Jenaer Studenten, dem auch Heinrich von Gagern, der erste Präsident der Frankfurter Nationalversammlung, angehörte. Diese Beschlüsse mit dem Titel Die Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktobers waren so brisant, dass sie aus Angst vor Repressalien nicht veröffentlicht, aber trotzdem durch viele Abschriften in ganz Deutschland verbreitet wurden. Sie nehmen die Forderungen (insbesondere Freiheit der Person, Sicherheit des Eigentums, Meinungs- und Pressefreiheit, Einrichtung von Schwurgerichten, Ministerverantwortlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz) vorweg, die in Hambach so leidenschaftlich diskutiert wurden und sie flossen teilweise wörtlich in die Paulskirchenverfassung (1849), die Weimarer Verfassung (1919) und das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (1949) ein. Neben der Tatsache, dass das Wartburgfest der Ausgangspunkt der Deutschen Bewegung des 19. Jahrhunderts war, liegt gerade in diesen Grundsätzen und Beschlüssen die bleibende Bedeutung des Wartburgfestes für die Entstehung des demokratischen deutschen Rechtsstaates. Zugleich zeigen die Ereignisse des Wartburgfestes, wie untrennbar die Geschichte der frühen Turnbewegung und die deutsche Nationalgeschichte miteinander verwoben sind. (4)

Karl Thielecke


Anmerkungen und weiterführende Literatur

(1) Dabei hatte schon 1832 der Heidelberger Student Karl Heinrich Brüggemann darauf hingewiesen, dass das Hambacher Fest die direkte Fortsetzung des Wartburgfestes sei und er hatte seine Zuhörer aufgefordert, nun alle zu dem zu stehen, was die deutsche Jugend auf der Wartburg geschworen habe.

(2) Die Turnerfarben Schwarz, Rot und Gold setzten sich 1832 in Hambach in der jetzt üblichen Anordnung als die deutschen Nationalfarben durch.

(3) Die Bücherverbrennung auf dem Wartenberg hatte einen maßgeblichen Anteil am späteren Zustandekommen der „Karlsbader Beschlüsse“ der Turnsperre, der „Demagogenverfolgung" und letztlich auch der Inhaftierung und Verbannung Jahns.
Die Bücherverbrennung wirft aber auch einen dunklen Schatten auf das Fest und erschwert eine gerechte Würdigung seiner Bedeutung.

(4) Die beiden folgenden Aufsätze eignen sich besonders gut für eine vertiefende Lektüre:
Eike Wolgast, „Feste als Ausdruck nationaler und demokratischer Opposition – Wartburgfest 1817 und Hambacher Fest 1832.“
Peter Kaupp, „ ‚Aller Welt zum erfreulichen Beispiel’ Das Wartburgfest von 1817 und seine Auswirkungen auf die demokratischen deutschen Verfassungen“
Beide Aufsätze finden Sie unter www.jahn-museum.de >> Jahn-Bibliothek

Friedrich Ludwig Jahn zum Geburtstag

Hoch verehrter Herr Prof. Dr. Jahn, lieber Turnbruder,

Am 11. August jährt sich Ihr Geburtstag zum 229. Mal. Ich nehme das zum Anlass, einen sehr persönlichen Dankesbrief an Sie zu richten, wohl wissend, dass er Sie nie erreichen wird. Aber insgeheim hoffe ich natürlich, dass er andere Leser findet.

Es gibt in unserer deutschen Geschichte vermutlich nicht viele Persönlichkeiten, die derart sichtbare Spuren ihres Wirkens hinterlassen haben wie Sie – und mit Spuren meine ich nicht die vielen Denkmäler, Schulen, Straßen, Turnhallen, Sportplätze, Vereine usw., die ihren Namen tragen. Manche Leute, selbst solche aus den Turnverbänden und Schulverwaltungen, sehen das als abgeschlossene Traditionspflege, einige „Modernisierer“ finden es sogar anstößig. Dabei sind Sie viel gegenwärtiger als solchen Leuten bewusst ist und manchmal melden Sie sich sogar eindrucksvoll aus der Vergangenheit zurück. Man denke nur an das letzte Jahr, als Deutschland plötzlich und unerwartet in einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer versank. Schwarz-Rot-Gold: Unsere ursprünglichen Turnerfarben, die auf Sie zurückgehen und die sich 1832 beim Hambacher Fest in den Herzen der Deutschen als die deutschen Nationalfarben durchsetzten. Überhaupt das Hambacher Fest: Vor wenigen Wochen feierte das politische Deutschland den 175. Jahrestag dieses Ereignisses als einen Meilenstein der deutschen Demokratie. Nur wenigen, die darüber geredet und geschrieben haben, war bewusst, dass das Hambacher Fest die direkte Fortsetzung des Wartburgfestes von 1817 war und dass es in Hambach über weite Strecken um Forderungen ging, die schon die Burschenturner von 1817 unter Ihrem Einfluss auf der Wartburg postuliert hatten. Immer wieder erweist sich so der (vermeintlich) aufs museale Altenteil abgeschobene „Turnvater“ als äußerst aktuell und irgendwie kommt keiner so richtig an Ihnen vorbei – nur der DTB hat leider die Gelegenheit versäumt, diesen, seinen ureigensten, Teil am deutschen Nationalerbe für sich zu reklamieren.

Dieses alles habe ich aber nicht gemeint, als ich vorhin von den sichtbaren Spuren Ihres Wirkens sprach. Ich habe damit etwas viel näher Liegendes und Alltäglicheres gemeint: Noch immer nämlich beeinflussen Sie ganz direkt das Leben vieler unserer Mitbürger und bereichern es, indem Sie Tag für Tag eine nach Millionen zählende Menschenschar im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung setzen. Ihre große, und für Ihre Zeit geradezu revolutionäre Idee, mit der Sie den Lebensstil der folgenden Generationen auf eine damals noch unvorstellbare Weise umkrempelten, ist natürlich das Turnen. Durch Ihr Turnen bestimmen Sie, zum Beispiel, auch meinen Wochenrhythmus: Montags, dienstags und freitags bin ich in der Turnhalle – und das schon fast ein ganzes Leben lang! Ohne meine Turnerinnen und Turner und ohne die Turnerei insgesamt wäre mein Leben entschieden ärmer. So wie mir geht es vielen zehntausend Übungsleiterinnen und Übungsleitern in Deutschland – auch denen, die sich nicht, wie ich, bewusst in Ihrer Nachfolge sehen. Der Stein, den Sie 1811 ins Rollen brachten, erfüllt uns heute noch mit Begeisterung und unsere Schützlinge vom Kinder- bis zum Seniorenalter lassen sich davon immer wieder von Neuem anstecken und mitziehen. Ja, Sie bereichern noch immer unser Leben!

Vieles in der Turnerei hat sich seit Ihrer Zeit geändert und es wird oft gemutmaßt, dass Sie das, was wir heute so treiben, mit Missfallen betrachten würden. Das glaube ich aber nicht. Das Besondere an ihrer Turnerei ist ja die von Anfang an darin angelegte Offenheit und Dynamik. Das, was Sie 1816 in Ihrer „Deutschen Turnkunst“ veröffentlichten, war das Ergebnis eines fünfjährigen, ununterbrochenen Experimentierens und Erprobens. Wer kann heute schon sagen, wohin Sie Ihr Weg noch geführt hätte, wenn die Turnsperre Ihre Bemühungen nicht jäh gestoppt hätte? Vieles, worauf wir heute so stolz sind, war in der Hasenheide nach Ziel und Methode schon vorhanden. Denken wir nur an unsere modernen Fitnessstudios: Was eigentlich ist der prinzipielle Unterschied zwischen Ihren Turnplätzen und den neuen Studios (außer, dass die Studios überdacht, geheizt und teuer sind)? Auch die Turnplätze dienten zuförderst der körperlichen Ertüchtigung; Reck, Barren und Klettergerüst waren die ersten Kraftmaschinen, schon lange, bevor an ihnen die ersten Kunststücke geturnt wurden.

Der Turnplatz auf der Hasenheide war auch der Geburtsort des Kunstturnens, das sich zu einem deutschen Exportschlager sondergleichen entwickelt hat. Die Hasenheide war aber vor allem die Wiege dessen, was wir heute „Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssport“ nennen. Den hatten wir in Deutschland schon vor 160 Jahren und früher als anderswo. In vielen Ländern der Erde fasst die „Sport for all“-Bewegung nach dem „deutschen Modell“ erst jetzt langsam Fuß.

Wenn man Ihre Schriften ein wenig vom Staub der Geschichte befreit, dann stellt man darin eine bemerkenswerte Aktualität fest. Allen Missgünstigen, die Ihre Verdienste nicht anerkennen wollen, zum Trotz: Wir haben Ihren Grundideen nur wenig hinzugefügt, sind aber auf vielen Gebieten weit hinter ihnen zurück geblieben – und das nicht nur auf pädagogischem Gebiet. Im Laufe der Jahre ist uns in vielen Bereichen die von Ihnen so hoch geschätzte Brüderlichkeit abhanden gekommen und von manchen „Modernisierern“ wird das Turnen gar nur noch als Geschäftsfeld, als „Marke“ und als monetär zu bewertendes Wirtschaftsgut betrachtet. Dieses sollten wir als Turnfamilie nicht ohne gründliche Diskussion und Widerstand hinnehmen – ebenso wie wir die extremen und bis ins Unmoralische überspitzten Leistungsforderungen des Kunstturnens, das Doping u.v.m. nicht einfach hinnehmen sollten.

Ihr Turnen, lieber Turnbruder Jahn, lebt. Und so werde ich denn hoffentlich noch einige Zeit montags, dienstags und freitags in die Turnhalle eilen, nicht um eine verstaubte Tradition zu pflegen, sondern um das höchst moderne und sich immer wieder erneuernde und faszinierende Turnen an die nächste Generation weiterzureichen.

Mit aufrichtigen turnbrüderlichen Grüßen,

Ihr Karl Thielecke aus Regensburg

Zu Besuch bei Turnvater Jahn in Freyburg

Nur wenige Kilometer vor den Toren der Domstadt Naumburg liegt im Schutze der mächtigen Neuenburg die historische „Jahn- und Weinstadt“ Freyburg. Dass die kleine Stadt auf eine 1000jährige Weinbautradition zurückblicken kann, verdankt sie einem Glücksfall der Natur: Auf den Muschelkalkhängen der Unstrut wachsen nämlich nicht nur Orchideen, sondern hier gedeiht auch ein feiner Wein. Dass Freyburg aber auch zur Jahnstadt wurde, hat etwas mit einem weit weniger glücklichen Kapitel der Geschichte zu tun.

Im Jahre 1819 wurde Friedrich Ludwig Jahn nämlich im Zuge der einsetzenden „Demagogenverfolgung“ verhaftet. Selbst sein Freispruch nach sechsjähriger Festungshaft brachte ihm nicht die ersehnte Freiheit: Unter der Auflage, sich in keiner Universitäts- oder Gymnasialstadt niederzulassen, wurde er unter Polizeiaufsicht gestellt und wählte als Wohnsitz Freyburg, das er in seinen studentischen Wanderjahren kennen gelernt hatte. Er erwarb später am Hang des Schlossberges ein Grundstück und baute mit finanzieller Hilfe seiner treuen Turnfreunde hoch über der Stadt ein Haus.

Nach seinem Tod (1852) musste das Haus veräußert werden. Erst 1919 konnte es die Deutsche Turnerschaft erwerben und nach einer Zwischennutzung 1936 zum Jahn-Museum umgestalten. Im Zuge dieser Maßnahme verlegte man auch das Grab Friedrich Ludwig Jahns in den „Ehrenhof“ des Wohnhauses. Seit 1995 liegt die Nutzung des Anwesens und der Betrieb des Museums in der Obhut des Jahn-Fördervereins, der das Haus nach Jahns eigenen Bauplänen denkmalgerecht in den ursprünglichen Zustand zurückversetzte und die ständige Ausstellung völlig neu gestaltete.

Bei einem Besuch in Freyburg lohnt es sich auf jeden Fall, einen Abstecher zu Jahns Wohnhaus zu machen, denn das Jahn-Museum zeichnet jetzt in vier Ausstellungskomplexen anhand wertvoller Exponate ein differenziertes und interessantes Bild Jahns. Der Rundgang beginnt natürlich mit Jahn als dem Begründer des Turnens und der Turnbewegung. Jahn erscheint hier in seiner Rolle als Pädagoge. Der Rundgang wendet sich dann der Person Jahns und seinem Privat- und Familienleben zu. Hier wird der Museumsbesuch wirklich zu einem Besuch bei Turnvater Jahn. Im dritten Komplex wird Jahn der Publizist und Patriot dargestellt. Im letzten Teil geht es um das Wirken Jahns als Politiker und um die bedeutende Rolle Jahns in der deutschen Nationalgeschichte. Das Jahn-Museum in der Schloßstraße 11 ist dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr (von April bis Oktober bis 17 Uhr) geöffnet.

Beim Bummeln durch die idyllische Winzerstadt mit ihren einladenden Weinlokalen und Restaurants wird der Besucher auf zwei weitere Gebäude stoßen, die an Jahns Freyburger Zeit erinnern: Die Erinnerungsturnhalle (linkes Bild) wurde 1894 von der Deutschen Turnerschaft errichtet und enthielt in einem kleinen Zimmer das erste Jahn-Museum. Unter dem Jahn-Denkmal an der Giebelseite befand sich das erste Ehrengrab des Turnvaters. Das Museumszimmer erwies sich sehr schnell als zu klein. Deshalb ließ die Deutsche Turnerschaft schon 1903 einen stattlichen neuen Museumsbau errichten, der heute unter dem Namen Ehrenhalle (rechtes Bild) festlichen Veranstaltungen und wissenschaftlichen Kongressen als würdiger Rahmen dient, während die Erinnerungsturnhalle noch immer für ihren ursprünglichen Zweck genutzt wird. Beide Gebäude können besichtigt werden.

Der kulturbeflissene Besucher Freyburgs wird sicher auch zur Neuenburg hinaufpilgern (oder hinauffahren). Als Burg der mächtigen Landgrafen von Thüringen war sie gewissermaßen ein „Zweitwohnsitz“ der heiligen Elisabeth von Thüringen, deren Geburtstag sich heuer zum 800. Mal jährt. Die Neuenburg soll der Legende nach der Ort des Kreuzwunders gewesen sein, bei dem ein Aussätziger, den die mildtätige Elisabeth aufgenommen hatte, sich in den Gekreuzigten verwandelte – eines der vielen Wunder, die Elisabeth zu einer „Nationalheiligen“ des Mittelalters machten. Heute ist die Neuenburg natürlich ein höchst sehenswertes Museum.

Wer sich dagegen mehr zur Weinkultur hingezogen fühlt, wird vielleicht eher zur Rotkäppchen Sektkellerei pilgern. Auch sie ist eine Freyburger Sehenswürdigkeit und auch sie kann besichtigt werden.

Karl Thielecke