Pressedienst

Der Jahn-Pressedienst ist ein Service der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft e.V. mit Sitz in Freyburg (Unstrut). Er stellt den Verbandsorganen der Landesturnverbände im Deutschen Turner-Bund und allen anderen interessierten Zeitungen und Zeitschriften Artikel zu Themen des Turnens und der Turngeschichte (unter besonderer Berücksichtigung von Beiträgen über Friedrich Ludwig Jahn) zum Nachdruck zur Verfügung. Der Nachdruck ist kostenfrei und genehmigungsfrei. Unter dem Artikel ist der Vermerk [Jahn-Pressedienst] aufzunehmen. Um ein Belegexemplar wird gebeten. Die vom Jahn-Pressedienst veröffentlichten Artikel werden unter Pressedienst auf der Homepage der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft zum Herunterladen archiviert und können auch zu einem späteren Zeitpunkt verwendet werden.

 

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Das Hambacher Fest 1832

Vom 26. bis zum 28. Mai 1832 versammelten sich etwa 30.000 Menschen aus ganz Deutschland, aber auch aus Polen, Frankreich und selbst aus dem fernen England in dem kleinen Ort Neustadt an der Haardt und zogen in einem nicht enden wollenden Zug zur Burgruine Hambach hinauf. Dabei führten sie viele schwarz-rot-goldene Fahnen mit sich. Es war eine Versammlung, wie sie Deutschland noch nie gesehen hatte, eine Versammlung mit einer Vorgeschichte und mit Folgen, die bis in unsere Gegenwart wirken. Unter dem Namen "Hambacher Fest" ist dieses 175 Jahre zurückliegende Ereignis in die Geschichtsbücher eingegangen.

Die Vorgeschichte

Neustadt an der Haardt (heute "an der Weinstraße") auf dem linken Rheinufer hatte bewegte Jahre erlebt. 1797 hatten es die Franzosen besetzt und vier Jahre später sogar ihrer Republik einverleibt. Nach dem Sturz Napoleons kamen die linksrheinischen Teile der ehemaligen Kurpfalz als "bayerische Pfalz" an das noch junge Königreich Bayern. Die Franzosen hatten dort das französische Rechts- und Verwaltungswesen eingeführt, das den Bürgern Freiheiten und Rechte einräumte, die in Deutschland unbekannt waren und König Max I. Josef war weise genug gewesen, der Pfalz diese Rechte in der Verfassung von 1818 zu belassen. Sein Sohn Ludwig I., der seine nationale Gesinnung durch den Bau der Befreiungshalle bei Kelheim und der Walhalla bei Regensburg für alle sichtbar dokumentiert und 1826 in Bayern die Turnsperre aufgehoben und das Jahnsche Turnen eingeführt hatte, dieser liberale Ludwig I. hatte 1825 in seinem Reich sogar die Pressezensur abgeschafft. Trotzdem war in der Pfalz die Unzufriedenheit groß: Die Zollgrenze zwischen Bayern und dem preußisch-hessischen Zollverein riegelte die Pfalz von ihrem wirtschaftlichen Hinterland ab und die hohe bayerische Steuerlast führte zu einer Verarmung der Bevölkerung.

Die Unzufriedenen hatten in den Journalisten Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth zwei Sprecher gefunden, die der allgemeinen Unmut eine laute und der Münchner Regierung sehr lästige Stimme gaben. Überall in Europa gärte es und spätestens nach der Julirevolution in Frankreich (1830) begann Ludwig zu fürchten, dass das revolutionäre Gedankengut auch auf die Pfalz übergreifen könnte, und versuchte mit repressiven Maßnahmen und der Einschränkung der eben erst gewährten Pressefreiheit die Ruhe in seinem Reich zu sichern.

Das Hambacher Fest

Für den 26. Mai 1832 war aus Anlass des bayerischen Verfassungstages zu einem Fest auf das Hambacher Schloss geladen worden. Durch einen flammenden Gegenaufruf gelang es Siebenpfeiffer, das Verfassungsfest zu einem gegen die Regierung gerichteten "deutschen Nationalfest" umzufunktionieren. Der Aufruf fand einen ungeheueren, nicht erwarteten Widerhall. Nach einigem Hin und Her wurde das Fest von der Obrigkeit schließlich als "Volksfest" genehmigt.

Unter den Festbesuchern stachen besonders zwei Gruppen heraus. Die einen waren die zum Teil von weit her angereisten Burschenschafter, zwar nur eine kleine Minderheit unter den Festbesuchern, aber doch schon durch ihre Studentenmützen und Bänder auffällig. Durch ihre aktive Beteiligung an den Diskussionen bestimmten sie einen Großteil des Geschehens (1). Die anderen waren die mit besonderem Jubel begrüßten Polen, die nach dem missglückten polnischen Aufstand ihr Vaterland verlassen mussten und wie Helden begrüßt wurden. Nicht nur die Studenten, auch viele der anderen Besucher führten Fahnen in den verbotenen Burschen- und Turnerfarben Schwarz-Rot-Gold mit sich oder trugen Schärpen, Bänder und Kokarden in diesen Farben. Ein schwarz-rot-goldenes Banner wurde am 27. Mai auch auf dem höchsten Turm der Hambacher Ruine gehisst. Die Farben, die die Burschenturner schon 15 Jahre vorher beim Wartburgfest gezeigt hatten, galten seit den Tagen von Hambach im Volk als die deutschen Nationalfarben. Die Turner hielten daran auch noch in der Zeit des wilhelminischen Kaiserreiches fest.

Nach dem stundenlangen Aufstieg der Menschenmassen zur Hambacher Ruine stand der 27. Mai ganz im Zeichen der beiden Hauptredner Siebenpfeiffer und Wirth.

Siebenpfeiffer (2) forderte, dass die Deutschen sich nicht mehr wie Knechte unter das Joch ihrer Fürsten beugen sollten. Er prophezeite ein wirtschaftlich geeintes Europa, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt seien und in dem das Volk seine nationale Einheit durchsetzen werde, er schloss mit den Worten: "Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland - Volkshoheit - Völkerbund hoch!"

Auch Wirth (3) forderte Freiheit und staatliche Einheit für das deutsche Volk. Aber er lehnte im Gegensatz zu Siebenpfeiffer jede Unterstützung durch Frankreich ab. Für den Fall eines französischen Eingreifens sagte er sogar das Zusammengehen aller Deutschen unabhängig von ihrer politischen Einstellung voraus und eine Rückgewinnung von Elsaß und Lothringen für das geeinte Deutschland. Auch Wirth beendete seine furiose Rede mit einem Hochruf: "Hoch! Dreimal hoch leben die vereinigten Freistaaten Deutschlands. Hoch! Dreimal hoch das conföderierte republikanische Europa!"

Wirths Rede wurde nach anfänglichem Staunen mit unbeschreiblichem Jubel aufgenommen. Der Heidelberger Student Karl Heinrich Brüggemann forderte die Vertreibung der fürstlichen Despoten und die Einführung der Volksherrschaft auf gesetzlichem Wege. Selbst der Ruf nach der sofortigen Einführung der Republik wurde laut.

Nach Wirths Rede entwickelte sich das Fest zu einem großen Diskussionsforum. Am folgenden Tag endete im Schießhaus vor der Stadt ein Treffen führender Demokraten mit dem Ziel, einen Nationalkonvent zu etablieren, allerdings chaotisch.

Die Folgen

Die bayerische Regierung und der Deutsche Bund reagierten auf die republikanisch-nationalen Bestrebungen mit Verfolgung und Repression: Die Karlsbader Beschlüsse wurden wieder in Kraft gesetzt, 8.500 Soldaten in die Pfalz verlegt, die führenden Persönlichkeiten des Hambacher Festes verhaftet und zum Teil jahrelang eingekerkert. Viele der bedeutendsten Köpfe, aber auch ein nicht enden wollender Strom einfacher Menschen emigrierten in die Schweiz, nach Frankreich oder in die USA. Trotzdem hörten die Unruhen nicht auf, aber erst 1848 gelang der nationalen und liberalen Opposition wieder ein Teilerfolg.

"Hambach war die größte und bedeutendste demokratische Volksversammlung des Vormärz, die erste politische Massenveranstaltung in Deutschland, der Höhepunkt einer breiten Bewegung in den deutschen Staaten, die erstmalige massenhafte Vertretung nationaler, radikaler republikanischer Forderungen sowie die erste Formulierung der Grundrechte des deutschen Volkes." (zitiert nach Lönnecker) Hambach war aber auch eine Abbildung der in Deutschland herrschenden Meinungsvielfalt, die sich aus unterschiedlichen historischen Erfahrungen speiste. Die mehrheitlich südwestdeutschen Teilnehmer hatten die "Franzosenzeit" als einen Akt der bürgerlichen Befreiung erfahren, neigten eher radikal-demokratischen Ansichten zu und betonten den Freiheitsgedanken. In den Teilen Deutschlands, die die napoleonische Besatzung als Demütigung und Unterdrückung erlebt hatten, war die Grundstimmung eher national-konservativ und mehr auf die deutsche Einheit gerichtet. Der radikale Wirth, der im oberfränkischen Hof aufgewachsen war, wurde in Hambach mit seinen antifranzösischen Ausfällen unerwartet zum Sprachrohr einer politischen Richtung, die im Ernstfall die Einheit über die Freiheit stellte. (Man hört in ihm an dieser Stelle geradezu den Turnvater Jahn, der später denn auch aus seiner Freyburger Verbannung gegen die "verhambacherte Jugend" wetterte.)

Das Hambacher Fest fand lange Zeit in der Geschichtsschreibung wenig Beachtung. Erst in den 1970er Jahren wurde es als ein wichtiger Erinnerungsort entdeckt und in seiner Bedeutung als ein Meilenstein auf dem Wege zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland angemessen gewürdigt.

Karl Thielecke


Anmerkungen

(1) Einen sehr lesenswerten Bericht über das Hambacher Fest aus burschenschaftlicher Sicht liefert Harald Lönnecker (www.jahn-museum.de >> Bibliothek)

(2) Die Rede Siebenpfeiffers findet sich unter www.jahn-museum.de >> Bibliothek

(3) Die (gekürzte) Rede Wirths findet sich unter www.jahn-museum.de >> Bibliothek

Gruß vom Turnfest

Vor zwei Jahren fiel dem Verfasser die abgebildete Reproduktion einer Turnfest-Grußkarte in die Hände. Sie soll aus der Zeit um 1900 stammen. Für welches Turnfest sie hergestellt wurde, hat der Verleger nicht angegeben. Die vorliegende Karte ist aber ein ganz typisches Stück. Ähnliche Karten tauchen in Antiquariaten gar nicht so selten auf. Meist verwenden sie jedoch erkennbare Motive der Turnfeststadt und lassen sich so genauer einordnen.

Der Zeichner unserer Karte gehörte offenbar nicht zu den begnadeten Meistern seines Faches: die Komposition ist eher schlicht zu nennen. Sie ist dreiteilig angelegt: Links dominiert der stolze Turner mit seiner schwarz-rot-goldenen Fahne und Schärpe den Bildaufbau, rechts sieht man zwei "Szenen", die eine über der anderen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich bei dem oberen Bildchen gar nicht um eine Szene, also die Darstellung eines Geschehens handelt, sondern dass hier nur typische Bildmotive nebeneinander gereiht sind, die für die damaligen Betrachter die Vorstellung von Turnen und Turnfest assoziierten. Uns dagegen erlauben sie den Blick in eine uns fremd gewordene turnerische Welt. Zunächst einmal fällt sofort auf, dass das Turnen an Geräten damals noch eine Freiluftaktivität war und auf einem Turnplatz stattfand. Wenn man das heute erleben will, muss man sich schon in die Jahnstadt Freyburg an der Unstrut bemühen, wo diese Tradition noch immer aufrecht erhalten wird. Am 18./19. August 2007 findet dort, wie alle Jahre, das 85. Jahn-Turnfest, natürlich wieder im Freien, statt. Das Turnen an Reck, Barren und Seitpferd erkennen wir gleich wieder, aber für die Turner um 1900 gehörte das schwingenden Trapez und das Springen mit dem Stab offensichtlich auch zum turnerischen Repertoire - wobei es beim Stabspringen weniger um die Höhe als um die "echt turnerische Haltung" zu gehen scheint.

Besonders interessant ist der sechste Turner, der mit der Hantel. Die versierten Wilhelm-Busch-Leser werden sich hier vielleicht an den "Turner Hoppenstedt" erinnern, mit dem Wilhelm Busch liebenswürdig-ironisch das Turnen seiner Zeit auf die Schippe nahm (1). Die allseitige körperliche Ausbildung der damals noch fast ausschließlich männlichen Turner war um 1900 ein wichtiges turnerisches Anliegen. Das Thema war für das Turnen offenbar so typisch, dass es unser Zeichner in der linken unteren Ecke gleich noch einmal aufgreift, indem er die Hantel, das Gewicht und den schweren eisernen Stossstein in die Komposition einfügt. Der DTB hat sich irgendwann von diesem "altmodischen" Aspekt der turnerischen Arbeit getrennt, mit dem Ergebnis, dass das traditionelle Männerturnen fast völlig zum Erliegen gekommen ist - und die Fitness-Studios dort weitermachen können, wo die Turner das Feld geräumt haben.

Vor diesem Hintergrund wird dann gleich auch klar, dass das untere Bildchen mit dem Turnerumzug auch keine "Szene", sondern die Darstellung eines traditionellen Bestandteils der Turnfeste mit großem Wiedererkennungswert ist. Nicht fehlen durfte bei einem Turnfest auch das Bild des "Turnvaters Jahn", zu dem sich die damaligen Turner, im Gegensatz zur heutigen DTB-Führung, ganz selbstverständlich bekannten. Es ist hier mit Eichenlaub bekränzt und stellt den Turnvater als den "Alten im Bart" dar. Er trägt die von ihm selbst erfundene altdeutsche Tracht. Mit in die Darstellung hineinkomponiert sind wichtige turnerische Symbole: Das in rot und weiß gehaltene Vier-F-Wappen der Turner, der Turnergruß "Gut - Heil!" und das Eichenlaubmotiv, das nicht nur zur Bekränzung des Jahn-Bildes und als Siegerkranz dient, sondern sehr auffällig auch die linke untere Ecke füllt. Die Eiche galt damals als der nationale Baum der Deutschen und die "Deutsche Eiche" hat sich bis heute in den Namen vieler der damals gegründeten Turnvereine gehalten, wie etwa beim TB "Deutsche Eiche" Regenstauf von 1893 (in Bayern), beim TV "Deutsche Eiche" Holzminden von 1894 (in Niedersachsen) oder beim TV "Deutsche Eiche" Bottrop-Eigen von 1909 (in Nordrhein-Westfalen).

Das auffälligste Element der Komposition indes ist links der Turner mit seiner Fahne, der schon aufgrund seiner Größe das ganze Bild beherrscht. Wer aber die uns so vertraute schwarz-rot-goldene Fahne für das Zeichen eines bei den Turnern besonders verbreiteten Patriotismus hält, der hat die Botschaft nicht verstanden (2). Als diese Turnfestkarte um 1900 versandt wurde, da waren die Farben des deutschen Reiches Schwarz-Weiß-Rot! Schwarz-Rot-Gold hingegen, das waren die Farben der Lützower Jäger und der Burschenturner; die Farben, die vor 175 Jahren beim Hambacher Fest erstmals in größerer Zahl mitgeführt wurden und das Streben nach Freiheit, Bürgerrechten und nationaler Einheit symbolisieren sollten; das waren die Farben der Frankfurter Nationalversammlung und der Revolution von 1848. Schwarz-Rot-Gold war eines der mächtigsten Symbole der Turnbewegung. Indem die Turner um 1900 diese im Kaiserreich verpönten Farben zeigten, stellten sie sich trotz ihrer Kaisertreue demonstrativ in die liberale und demokratische Tradition der frühen Turnbewegung und mahnten, wie Jahn nach den Befreiungskriegen oder die Turner bei der Einweihung des Jahn-Denkmals auf der Hasenheide (3), die noch immer nicht voll erreichte Teilhabe der Bürger am Staat an.

Dass nach dem zweiten Weltkrieg beide deutsche Staaten diese Farben für ihre Fahne wählten, ist ein bewusster Rückgriff auf diese frühe demokratische Tradition, an deren Ausbildung die Turner einen so maßgeblichen Anteil hatten. Die Wahl dieser Farben nach dem zweiten Weltkrieg unterstreicht demonstrativ auch den Wunsch nach Wiedererlangung der nationalen Einheit, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Ursache für das Entstehen der Turnbewegung überhaupt war. Das Schwarz-Rot-Gold der Turner ist das Symbol einer Tradition, zu der auch wir Turner von heute uns ohne wenn und aber bekennen können.

Diese historischen Zusammenhänge werden allen denen kaum bewusst gewesen sein, die im letzten Sommer in der Euphorie der Fußball-Weltmeisterschaft mit diesen Farben auf die Straßen gegangen sind. Auch der Aufruf zu mehr Patriotismus, mit dem die Bundeskanzlerin sich bei ihrem Amtsantritt an die deutsche Öffentlichkeit gewendet hat, dürfte nicht der Grund für den unerwartet unverkrampften Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit unseren Nationalfarben gewesen sein. Vielleicht zeigen beide Ereignisse im Zusammenhang aber, dass die Zeit für eine Neubewertung der deutschen Geschichte, auch im DTB, gekommen ist und dass unser Geschichtsbewusstsein sich nicht allein und für immer aus den zwölf schlimmen Jahren des Dritten Reiches speisen muss.

Karl Thielecke


Weiterführende Lektüre:

(1) Wilhelm Busch: Folgen der Kraft

(2) Dr. Hans-Jürgen Schulke: Zwischen Design und Bewusstsein - bewegende Spurensuche nach Schwarz-Rot-Gold in: www.jahn-museum.de >> Pressedienst

(3) Prof. Dr. Dieter Langewiesche: Turnen und Nationalbewegung im 19. Jahrhundert in: www.jahn-museum.de >> Bibliothek

Johann Christoph Friedrich GutsMuths "Gymnastik ist Arbeit im Gewand jugendlicher Freude" (Kurzversion)

Geschichtslosigkeit wird in Deutschland seit 1945 planvoll gepflegt und so ist auch der Name Johann Christoph Friedrich GutsMuths heute (fast) vergessen, obwohl ihn doch manche für den "Großvater" des deutschen Turnens hielten und er unzweifelhaft einer der großen Wegbereiter in der Geschichte der Leibeserziehung, ja der Pädagogik überhaupt war.

Johann Christoph Friedrich GutsMuths wurde am 9. August 1759 in Quedlinburg in einer Zeit geboren, in der der leibfeindliche Einfluss der Kirchen und das Vorbild Frankreichs zu einer ungesunden Verweichlichung der gebildeten Stände geführt hatten. Schon im Alter von vierzehn Jahren musste GutsMuths eine Hauslehrerstelle annehmen und entwickelte so sein lebenslanges Interesse an pädagogischen Fragen. Nach dem Besuch der Universität Halle (1779 - 1782), wo er sich zur Vorbereitung auf den Lehrberuf neben Theologie intensiv mit Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und neueren Sprachen beschäftigt und die bedeutendsten zeitgenössischen Pädagogen studiert hatte, nahm GutsMuths die Stelle eines Erziehers an der von Christian Gotthilf Salzmann nach Dessauer Vorbild neu gegründeten Schule in Schnepfenthal an. (Das Dessauer Philanthropin war eine reformpädagogische Schule, an der unter anderen Neuerungen erstmals in der Neuzeit auch Gymnastik Lehrfach war.)

GutsMuths übernahm die Gymnastik in Schnepfenthal und entwickelte sie in intensiver Arbeit zu einem durchdachten System der Körperbildung mit dem ausdrücklichen Anspruch, dadurch nicht nur zur körperlichen Ertüchtigung sondern auch zur geistigen, moralischen und charakterlichen Bildung der Jugend beizutragen. Er veröffentlichte 1793 die Ergebnisse seiner Arbeit in seinem zum Klassiker gewordenen Buch Gymnastik für die Jugend, das ihn (und Schnepfenthal) berühmt machte und in acht Sprachen übersetzt zum "Bestseller" und Exportschlager wurde. In der zweiten Auflage der Gymnastik sprach sich GutsMuths - auch eine Weltneuheit - schon für den Gymnastikunterricht für Mädchen aus. Der Versuch, Gymnastik zum Pflichtfach an preußischen Schulen zu machen, scheiterte, aber schon 1828 wurde Gymnastik nach GutsMuths'schem Vorbild obligatorisches Unterrichtsfach in Dänemark.

Auch mit seinem zweiten Hauptwerk Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes (1796), der ersten deutschen Spielesammlung unter pädagogischem Aspekt, betrat GutsMuths Neuland. Dieses Buch wurde ebenfalls zu einem einflussreichen "Bestseller" und "Longseller", der noch viele Jahre nach GutsMuths Tod in immer neuen Auflagen erschien. Sein drittes Grundwerk auf dem Gebiet der Leibeserziehung ist sein Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst zum Selbstunterricht (1798). An der darin empfohlenen "Angel" haben unzählige Kinder das Schwimmen gelernt.

Ab etwa 1800 beschäftigte sich GutsMuths intensiv mit seinem zweiten Spezialthema, der Geographie, und veröffentliche zahlreiche Bücher und Aufsätze. Auch als Geograph ging GuthsMuths neue und richtungweisende Wege und übte damit einen prägenden Einfluss auf seinen Schüler Carl Ritter aus, der als Begründer der Hochschulgeographie später selbst ein berühmter Geograph wurde. Daneben war GutsMuths auch noch der Herausgeber der führenden deutschen pädagogischen Zeitschrift Bibliothek der Pädagogischen Literatur (später Neue Bibliothek für Pädagogik, Schulwesen und die gesamte neueste pädagogische Literatur Deutschlands), für die er von 1800 - 1819 insgesamt 53 Bände redigierte.

GutsMuths nahm 1789 offen für die Französische Revolution und die Proklamation der Menschenrechte Partei und wurde dafür unter Zensur gestellt. Nach der Völkerschlacht von Leipzig (1813) wandelte er sich zum glühenden Patrioten und schrieb 1814 Über vaterländische Erziehung. Unter dem Einfluss Jahns versuchte er mit Turnbuch für die Söhne des Vaterlandes (1817) und Katechismus der Turnkunst (1818) eine Synthese zwischen Jahns Turnen und seiner Gymnastik. Jahn und GutsMuths begegneten sich mit großem Respekt. Jahn nennt GutsMuths einen "echten Vaterlandsfreund" und dankt ihm ausdrücklich als seinem "Vorarbeiter", während GutsMuths dem "kräftigen Jahn" das "große Verdienst der unmittelbaren Einführung" des Turnens zuspricht. Gemeinsam legten beide das Fundament, auf dem wir heute stehen.

GutsMuths starb am 21. Mai 1839 im Alter von fast achtzig Jahren nach einem langen und fruchtbaren Leben im Dienste der Jugend. Es war ein Leben, das ihm einen bleibenden Platz in der Geschichte der Leibesübungen, der Geographie und der Pädagogik - und hoffentlich auch in unserer Erinnerung - sichert.

Karl Thielecke, 26.11.2006

Johann Christoph Friedrich GutsMuths "Gymnastik ist Arbeit im Gewand jugendlicher Freude" (Langversion)

Geschichtslosigkeit wird in Deutschland seit dem Ende des unseligen Dritten Reiches planvoll gepflegt. Wer gestern war, gilt heute nichts - was zählt, ist nur das Hier und Jetzt. Auch der Name Johann Christoph Friedrich GutsMuths ist (fast) vergessen, obwohl ihn doch manche für den "Großvater" des deutschen Turnens hielten und er unzweifelhaft einer der großen Wegbereiter in der Geschichte der Leibesübungen und der Leibeserziehung, ja der Pädagogik überhaupt war.

Die frühen Jahre

Johann Christoph Friedrich GutsMuths wurde am 9. August 1759 in Quedlinburg geboren, das seit 1698 zum rückständigen Brandenburg gehörte, wo noch die Erbuntertänigkeit des Bauerntums herrschte und das Bürgertum unter dem Einfluss von Aufklärung und Rationalismus erst langsam begann, sich aus der Dumpfheit kirchlicher Bevormundung zu befreien. Eine Facette dieser Bevormundung war die kirchliche Leibfeindlichkeit, die, verstärkt durch das allgegenwärtige französische Vorbild, zu einer allgemeinen körperlichen Verweichlichung der gebildeten Stände führte.

Der kleine Gymnasiast wurde streng protestantisch erzogen und, so wie es damals üblich war, angehalten, den größten Teil des Tages in seiner Studierstube über seinen Büchern zu verbringen statt seinen jugendlichen Bewegungsdrang im Freien auszuleben.

Der Tod des Vaters (1773) zwang den erst Vierzehnjährigen neben dem Schulbesuch die Stelle eines Hauslehrers in der Familie Dr. F. W. Ritters anzunehmen. In dieser Zeit erwachte sein Interesse an erzieherischen Fragen, das seinen weiteren Lebensweg bestimmen sollte.

1779 immatrikulierte sich GutsMuths an der theologischen Fakultät der Universität Halle, damals der klassische Studien-gang für angehende Lehrer. Er nutzte seine Studienzeit bis 1782, um sich zur Vorbereitung auf den geplanten Erzieherberuf intensiv mit Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und neueren Sprachen zu beschäftigen und die bedeutendsten Autoren der zeitgenössischen pädagogischen Literatur zu studieren. Jean-Jacques Rousseaus Bildungsroman Emile und die Schriften der deutschen Philanthropen um Basedow und Salzmann beeindruckten ihn tief.

Anstellung in Schnepfenthal

Nach dem Studium setzte GutsMuths seine Hauslehrertätigkeit in Quedlinburg fort, nach dem Tod Dr. Ritters sogar unent-geltlich. Als 1785 die Ritter'schen Söhne Johannes und der erst fünfjährige Carl Zöglinge an der Salzmann'schen Erzie-hungsanstalt in Schnepfenthal wurden, lernte GutsMuths den verehrten Christian Gotthilf Salzmann persönlich kennen. Er nahm dessen Einladung an, als Erzieher an der neu gegründeten Schule in Schnepfenthal zu bleiben und unterrichtete dort über 50 Jahre lang bis kurz vor seinem Tod im Alter von fast 80 Jahren.

Salzmann hatte am Dessauer Philanthropin unterrichtet, das von dem radikalen Reformpädagogen Johann Bernhardt Ba-sedow als menschenfreundliche, kindorientierte Schule gegründet worden war und in der erstmals in der Neuzeit statt der bis dahin üblichen körperlichen Züchtigung die körperliche Ertüchtigung als Mittel der Charakterbildung Anwendung finden sollte. Salzmann setzte die philanthropischen Prinzipien Basedows in Schnepfenthal musterhaft um. An die Stelle des strengen und oft stumpfsinnigen Lernens sollte eine mühelose und freudvolle Aneignung des Stoffes durch Selbsttätigkeit treten und durch eine sorgfältige Pflege des Leibes eine gesunde und kräftige Entwicklung der Zöglinge gesichert werden. In Schnepfenthal übernahm Salzmann den täglichen (!) Gymnastikunterricht nach Dessauer Vorbild selbst.

GutsMuths unterrichtete zunächst Geographie, Geschichte und Französisch. In diese Zeit fällt sein schriftstellerisches Erstlingswerk Zusammenkünfte am Atlas zur Kenntnis der Länder, Völker und Sitten, herausgegeben für die Jugend, in dem sich schon ein neues Verständnis des Geographieunterrichts ankündigt.

Gymnastik für die Jugend

Im folgenden Jahr (1786) übertrug Salzmann seinem jungen Kollegen die Gymnastik. Die Inhalte und den Namen der Des-sauer Gymnastik hatte Basedow (der eigentliche "Großvater" der modernen Leibesübungen!) von den Griechen entlehnt. Ihre Kerninhalte waren in den fünf Grundübungen des "Dessauer Pentathlons" zusammengefasst, nämlich Laufen, Sprin-gen, Klettern, Balancieren und Tragen. Dieses waren auch die Inhalte der Salzmann'schen Gymnastik, die GutsMuths zunächst übernahm. In den nächsten sieben Jahren mehrte er durch intensive Lektüre der antiken Schriftsteller, durch Sammlung volkstümlicher deutscher Übungen und durch viele eigene Versuche die Inhalte seinen Unterrichts und ordnete sie zu einem durchdachten System der Körperbildung mit dem ausdrücklichen Anspruch, mit seiner Gymnastik nicht nur zur körperlichen Ertüchtigung sondern auch zur geistigen, moralischen und charakterlichen Bildung der Jugend beizutragen.

GutsMuths veröffentlichte die Ergebnisse seiner Arbeit 1793 in seiner zum Klassiker gewordenen Gymnastik für die Jugend. Dieses bahnbrechende Werk machte GutsMuths (und Schnepfenthal) berühmt. Mitglieder des hohen Adels und bedeuten-de Persönlichkeiten des geistigen Lebens, wie die Dichter Wieland, Goethe und Kotzebue, besuchten ihn und wohnten seinem Unterricht bei. Auch der nachmalige "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn hospitierte bei ihm.

In seinem Buch rechnet GutsMuths mit der verfehlten Erziehungsweise seiner Zeit ab, die zu Schwächlichkeit und Ver-weichlichung führt. Er begründet den Nutzen der neuen Gymnastik für Körper und Geist und verteidigt sie zugleich gegen mögliche Einwände. Dann folgt unter dem Leitsatz "Gymnastik ist Arbeit im Gewande jugendlicher Freude" eine ausführli-che Darstellung des Übungsgutes seiner erneuerten Gymnastik. Zu den beschriebenen acht Übungsgruppen gehören neben Schnell-, Dauer- und Geländelaufen, Springen und Werfen auch Ringen, Klettern und Balancieren und sogar militäri-sche Übungen. Der dritte Teil umfasst unter anderem Baden und Schwimmen, Übung der Sinne, allgemeine methodische Anweisungen und eine Übersicht der Übungen "nach den Hauptteilen des Körpers".

Die Gymnastik für die Jugend wurde ein "Bestseller" und Exportschlager. Sie wurde in acht Sprachen übersetzt - selbst in Amerika erschien eine Ausgabe - und in einer von Franz Nachtegall "dänisierten" Form bereits 1828 an allen Schulen Dänemarks als Pflichtfach eingeführt.

Neun Jahre später überarbeitete GutsMuths auf der Grundlage seiner inzwischen gesammelten Erkenntnisse seine Gym-nastik für die Jugend noch einmal gründlich. Die zweite Auflage erschien 1804 und enthielt, als Weltneuheit, die Empfeh-lung, auch die Mädchen nicht von der Gymnastik auszuschließen. GutsMuths übersandte dem preußischen Unterrichtsmi-nister sein neu gefasstes Buch und regte an, die Leibesübungen zum Unterrichtsfach zu erheben. Obwohl er für seinen Vorschlag in dem Freiherrn von Stein einen Befürworter fand, wurde daraus nichts.

Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes und andere Schriften

Das zweite Hauptwerk GutsMuths sind seine Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes (1796). Auch mit dieser umfangreichen Sammlung von "Bewegungs- und Ruhespielen" betrat GutsMuths Neuland. "Spiele sind Blumenbän-der, durch welche man die Jugend an sich fesselt", schrieb er in der Vorrede, aber obwohl er überzeugend den pädagogi-schen und körperbildenden Wert der Spiele herausarbeitete, stieß sein Buch zunächst auf wenig Verständnis. Später wur-den die Spiele dann aber doch zum "Bestseller" und "Longseller". (Noch fünfzig Jahre nach GutsMuths Tod besorgte Rudolf (!) Lion, der Vorsitzende des Bayerischen Turnerbundes, 1893 in Hof eine achte Auflage.) Später (1802) verfasste Guts-Muths noch ein kleines Spielebuch für die Jugend.

Das dritte Grundwerk GutsMuths auf dem Gebiet der Leibeserziehung ist sein Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst zum Selbstunterricht (1798). "Bisher ist das Ertrinken Mode gewesen, weil das Schwimmen nicht Mode ist", schrieb er und ent-wickelte in seinem Büchlein eine Methode für den Schwimmunterricht, die sich lange in der Praxis hielt. Vor allem mit der von ihm empfohlenen "Angel" haben unzählige Kinder das Schwimmen gelernt.

Mit seinen Mechanische Nebenbeschäftigungen für Jünglinge und Männer, einer Schrift zum Werkunterricht, die ursprüng-lich als Anhang zu seiner Gymnastik gedacht war, schloss GutsMuths 1801 zunächst seine Veröffentlichungen zu Themen der Leibeserziehung ab.

GutsMuths als Geograph und Publizist, "Revolutionär" und Patriot

Die Zeit um die Jahrhundertwende bedeutete für GutsMuths auch einen tiefen Einschnitt in seinen privaten Verhältnissen. 1797 heiratete der damals schon 38jährige die viel jüngere Sophie Eckardt, mit der er acht Söhne und drei Töchter hatte.

Ab etwa 1800 beschäftigte sich der immens fleißige und produktive GutsMuths wieder zunehmend mit seinem zweiten Spezialthema, der Geographie, und veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze. Die Summe seiner reichen Erfahrungen als Geographielehrer fasste er 1835 in seinem Spätwerk Versuch einer Methodik des geographischen Unterrichts zusam-men.

GutsMuths ging auch als Geograph neue und richtungweisende Wege. Er ersetzte die trockene Aneignung von Fakten durch eine Betrachtungsweise, bei der er die Zusammenhänge zwischen Landschaft, Klima, Vegetation, Menschen, Wirt-schaft usw. herauszuarbeiten suchte. Damit übte er einen prägenden Einfluss auf seinen Schüler Carl Ritter aus, der als Begründer der Hochschulgeographie selbst einmal ein berühmter Geograph wurde. Das GutsMuths-Denkmal in Quedlin-burg zeigt GutsMuths mit dem kleinen Carl beim Aufbruch nach Schnepfenthal.

Zusätzlich zu all diesen wissenschaftlichen Arbeiten und seinen schulischen Verpflichtungen übernahm Johann Christoph Friedrich GutsMuths auch noch die Herausgeberschaft für die Zeitschrift Bibliothek der Pädagogischen Literatur, die später unter dem Titel Neue Bibliothek für Pädagogik, Schulwesen und die gesamte neueste pädagogische Literatur Deutschlands erschien. Zwischen 1800 und 1819 redigierte er insgesamt 53 Bände, in denen die angesehensten und progressivsten zeitgenössischen Pädagogen und führende Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens ihre Gedanken zu pädagogi-schen Fragen veröffentlichten. Viele der schon damals diskutierten Themen klingen auch heute noch sehr aktuell!

Auch in der Abgeschiedenheit des Thüringer Waldes nahm GutsMuths regen Anteil an den politischen Umwälzungen der Zeit. Für die Französische Revolution und die Proklamation der Menschenrechte ergriff er offen Partei, woraufhin er vorü-bergehend unter Zensur gestellt wurde. Ohne von den Prinzipien der Revolution abzurücken, wurde GutsMuths unter dem Eindruck der Völkerschlacht von Leipzig (1813) dann doch zum glühenden Patrioten. 1814 veröffentlichte er in seiner Zeit-schrift den wichtigen Artikel Über vaterländische Erziehung. Nach den Befreiungskriegen wendete sich GutsMuths unter dem Einfluss Friedrich Ludwig Jahns auch noch einmal seinem alten Thema zu. Im Turnbuch für die Söhne des Vaterlan-des (1817) und dem Katechismus der Turnkunst (1818) versuchte er eine Synthese zwischen Jahns Turnen und seiner Gymnastik.

GutsMuths und Jahn

GutsMuths Gymnastik für die Jugend erschien schon 17 Jahre vor der Eröffnung des Jahn'schen Turnplatzes auf der Ha-senheide. Manche nannten GutsMuths deshalb den "Großvater" des deutschen Turnens. Aber so einfach ist die Urheber-frage nicht - und da war ja auch noch Basedow!

Es ist richtig, dass Jahn 1807 bei GutsMuths hospitierte. Er hat sowohl GutsMuths Gymnastik als auch die Spiele genau studiert und daraus reichen Gewinn für seine Arbeit gezogen und das nie verheimlicht. In Deutsches Volksthum nannte er GutsMuths einen "echten Vaterlandsfreund", der als einziger (und damit als erster!) "ein treffliches Lehrbuch [über Leibes-übungen] geliefert" habe. In der Vorrede von Die deutsche Turnkunst dankt er ausdrücklich seinem "Vorarbeiter Guts-Muths".

Auch GutsMuths, dem 1804 die Einführung der Gymnastik als obligatorisches Schulfach nicht gelungen war, empfand gegenüber dem erfolgreicheren Jahn keine Neidgefühle. Im Gegenteil: Der einstige "Vorarbeiter" trat mit seinem Turnbuch für die Söhne des Vaterlands (1817) sogar in Jahns Fußstapfen und würdigt dort großzügig Jahns Leistung: "Was damals unmöglich wurde, gelang späterhin dem kräftigen Jahn. Er trug 1810 die wiedererweckte Gymnastik nach Berlin. … Dem Wackeren fügte sich die glückliche Stunde; ihm gebührt das große Verdienst der unmittelbaren Einführung der gymnasti-schen Übungen, denen er den Namen Turnübungen gab…,"

Unzweifelhaft ist, dass beide die Fundamente gelegt haben, auf denen wir heute bauen.

Epilog

Am 21. Mai 1839 starb Johann Christoph Friedrich GutsMuths nach einem nur dreimonatigen Ruhestand im Alter von fast achtzig Jahren. Es war ein langes und fruchtbares Leben im Dienste der Jugend; ein Leben, das ihm einen bleibenden Platz in der Geschichte der Leibesübungen, der Geographie und der Pädagogik - und hoffentlich auch in unserer Erinne-rung - sicherte.

Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Schnepfenthaler Waldfriedhof unweit seines Gymnastikplatzes. Das Grab hat die Zeiten überdauert und kann besucht werden.

Karl Thielecke, 26.11.2006