Pressedienst

Der Jahn-Pressedienst ist ein Service der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft e.V. mit Sitz in Freyburg (Unstrut). Er stellt den Verbandsorganen der Landesturnverbände im Deutschen Turner-Bund und allen anderen interessierten Zeitungen und Zeitschriften Artikel zu Themen des Turnens und der Turngeschichte (unter besonderer Berücksichtigung von Beiträgen über Friedrich Ludwig Jahn) zum Nachdruck zur Verfügung. Der Nachdruck ist kostenfrei und genehmigungsfrei. Unter dem Artikel ist der Vermerk [Jahn-Pressedienst] aufzunehmen. Um ein Belegexemplar wird gebeten. Die vom Jahn-Pressedienst veröffentlichten Artikel werden unter Pressedienst auf der Homepage der Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft zum Herunterladen archiviert und können auch zu einem späteren Zeitpunkt verwendet werden.

 

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Friedrich Ludwig Jahn zum Geburtstag

Hoch verehrter Herr Prof. Dr. Jahn, lieber Turnbruder,

Am 11. August jährt sich Ihr Geburtstag zum 229. Mal. Ich nehme das zum Anlass, einen sehr persönlichen Dankesbrief an Sie zu richten, wohl wissend, dass er Sie nie erreichen wird. Aber insgeheim hoffe ich natürlich, dass er andere Leser findet.

Es gibt in unserer deutschen Geschichte vermutlich nicht viele Persönlichkeiten, die derart sichtbare Spuren ihres Wirkens hinterlassen haben wie Sie – und mit Spuren meine ich nicht die vielen Denkmäler, Schulen, Straßen, Turnhallen, Sportplätze, Vereine usw., die ihren Namen tragen. Manche Leute, selbst solche aus den Turnverbänden und Schulverwaltungen, sehen das als abgeschlossene Traditionspflege, einige „Modernisierer“ finden es sogar anstößig. Dabei sind Sie viel gegenwärtiger als solchen Leuten bewusst ist und manchmal melden Sie sich sogar eindrucksvoll aus der Vergangenheit zurück. Man denke nur an das letzte Jahr, als Deutschland plötzlich und unerwartet in einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer versank. Schwarz-Rot-Gold: Unsere ursprünglichen Turnerfarben, die auf Sie zurückgehen und die sich 1832 beim Hambacher Fest in den Herzen der Deutschen als die deutschen Nationalfarben durchsetzten. Überhaupt das Hambacher Fest: Vor wenigen Wochen feierte das politische Deutschland den 175. Jahrestag dieses Ereignisses als einen Meilenstein der deutschen Demokratie. Nur wenigen, die darüber geredet und geschrieben haben, war bewusst, dass das Hambacher Fest die direkte Fortsetzung des Wartburgfestes von 1817 war und dass es in Hambach über weite Strecken um Forderungen ging, die schon die Burschenturner von 1817 unter Ihrem Einfluss auf der Wartburg postuliert hatten. Immer wieder erweist sich so der (vermeintlich) aufs museale Altenteil abgeschobene „Turnvater“ als äußerst aktuell und irgendwie kommt keiner so richtig an Ihnen vorbei – nur der DTB hat leider die Gelegenheit versäumt, diesen, seinen ureigensten, Teil am deutschen Nationalerbe für sich zu reklamieren.

Dieses alles habe ich aber nicht gemeint, als ich vorhin von den sichtbaren Spuren Ihres Wirkens sprach. Ich habe damit etwas viel näher Liegendes und Alltäglicheres gemeint: Noch immer nämlich beeinflussen Sie ganz direkt das Leben vieler unserer Mitbürger und bereichern es, indem Sie Tag für Tag eine nach Millionen zählende Menschenschar im wahrsten Sinne des Wortes in Bewegung setzen. Ihre große, und für Ihre Zeit geradezu revolutionäre Idee, mit der Sie den Lebensstil der folgenden Generationen auf eine damals noch unvorstellbare Weise umkrempelten, ist natürlich das Turnen. Durch Ihr Turnen bestimmen Sie, zum Beispiel, auch meinen Wochenrhythmus: Montags, dienstags und freitags bin ich in der Turnhalle – und das schon fast ein ganzes Leben lang! Ohne meine Turnerinnen und Turner und ohne die Turnerei insgesamt wäre mein Leben entschieden ärmer. So wie mir geht es vielen zehntausend Übungsleiterinnen und Übungsleitern in Deutschland – auch denen, die sich nicht, wie ich, bewusst in Ihrer Nachfolge sehen. Der Stein, den Sie 1811 ins Rollen brachten, erfüllt uns heute noch mit Begeisterung und unsere Schützlinge vom Kinder- bis zum Seniorenalter lassen sich davon immer wieder von Neuem anstecken und mitziehen. Ja, Sie bereichern noch immer unser Leben!

Vieles in der Turnerei hat sich seit Ihrer Zeit geändert und es wird oft gemutmaßt, dass Sie das, was wir heute so treiben, mit Missfallen betrachten würden. Das glaube ich aber nicht. Das Besondere an ihrer Turnerei ist ja die von Anfang an darin angelegte Offenheit und Dynamik. Das, was Sie 1816 in Ihrer „Deutschen Turnkunst“ veröffentlichten, war das Ergebnis eines fünfjährigen, ununterbrochenen Experimentierens und Erprobens. Wer kann heute schon sagen, wohin Sie Ihr Weg noch geführt hätte, wenn die Turnsperre Ihre Bemühungen nicht jäh gestoppt hätte? Vieles, worauf wir heute so stolz sind, war in der Hasenheide nach Ziel und Methode schon vorhanden. Denken wir nur an unsere modernen Fitnessstudios: Was eigentlich ist der prinzipielle Unterschied zwischen Ihren Turnplätzen und den neuen Studios (außer, dass die Studios überdacht, geheizt und teuer sind)? Auch die Turnplätze dienten zuförderst der körperlichen Ertüchtigung; Reck, Barren und Klettergerüst waren die ersten Kraftmaschinen, schon lange, bevor an ihnen die ersten Kunststücke geturnt wurden.

Der Turnplatz auf der Hasenheide war auch der Geburtsort des Kunstturnens, das sich zu einem deutschen Exportschlager sondergleichen entwickelt hat. Die Hasenheide war aber vor allem die Wiege dessen, was wir heute „Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssport“ nennen. Den hatten wir in Deutschland schon vor 160 Jahren und früher als anderswo. In vielen Ländern der Erde fasst die „Sport for all“-Bewegung nach dem „deutschen Modell“ erst jetzt langsam Fuß.

Wenn man Ihre Schriften ein wenig vom Staub der Geschichte befreit, dann stellt man darin eine bemerkenswerte Aktualität fest. Allen Missgünstigen, die Ihre Verdienste nicht anerkennen wollen, zum Trotz: Wir haben Ihren Grundideen nur wenig hinzugefügt, sind aber auf vielen Gebieten weit hinter ihnen zurück geblieben – und das nicht nur auf pädagogischem Gebiet. Im Laufe der Jahre ist uns in vielen Bereichen die von Ihnen so hoch geschätzte Brüderlichkeit abhanden gekommen und von manchen „Modernisierern“ wird das Turnen gar nur noch als Geschäftsfeld, als „Marke“ und als monetär zu bewertendes Wirtschaftsgut betrachtet. Dieses sollten wir als Turnfamilie nicht ohne gründliche Diskussion und Widerstand hinnehmen – ebenso wie wir die extremen und bis ins Unmoralische überspitzten Leistungsforderungen des Kunstturnens, das Doping u.v.m. nicht einfach hinnehmen sollten.

Ihr Turnen, lieber Turnbruder Jahn, lebt. Und so werde ich denn hoffentlich noch einige Zeit montags, dienstags und freitags in die Turnhalle eilen, nicht um eine verstaubte Tradition zu pflegen, sondern um das höchst moderne und sich immer wieder erneuernde und faszinierende Turnen an die nächste Generation weiterzureichen.

Mit aufrichtigen turnbrüderlichen Grüßen,

Ihr Karl Thielecke aus Regensburg

Zu Besuch bei Turnvater Jahn in Freyburg

Nur wenige Kilometer vor den Toren der Domstadt Naumburg liegt im Schutze der mächtigen Neuenburg die historische „Jahn- und Weinstadt“ Freyburg. Dass die kleine Stadt auf eine 1000jährige Weinbautradition zurückblicken kann, verdankt sie einem Glücksfall der Natur: Auf den Muschelkalkhängen der Unstrut wachsen nämlich nicht nur Orchideen, sondern hier gedeiht auch ein feiner Wein. Dass Freyburg aber auch zur Jahnstadt wurde, hat etwas mit einem weit weniger glücklichen Kapitel der Geschichte zu tun.

Im Jahre 1819 wurde Friedrich Ludwig Jahn nämlich im Zuge der einsetzenden „Demagogenverfolgung“ verhaftet. Selbst sein Freispruch nach sechsjähriger Festungshaft brachte ihm nicht die ersehnte Freiheit: Unter der Auflage, sich in keiner Universitäts- oder Gymnasialstadt niederzulassen, wurde er unter Polizeiaufsicht gestellt und wählte als Wohnsitz Freyburg, das er in seinen studentischen Wanderjahren kennen gelernt hatte. Er erwarb später am Hang des Schlossberges ein Grundstück und baute mit finanzieller Hilfe seiner treuen Turnfreunde hoch über der Stadt ein Haus.

Nach seinem Tod (1852) musste das Haus veräußert werden. Erst 1919 konnte es die Deutsche Turnerschaft erwerben und nach einer Zwischennutzung 1936 zum Jahn-Museum umgestalten. Im Zuge dieser Maßnahme verlegte man auch das Grab Friedrich Ludwig Jahns in den „Ehrenhof“ des Wohnhauses. Seit 1995 liegt die Nutzung des Anwesens und der Betrieb des Museums in der Obhut des Jahn-Fördervereins, der das Haus nach Jahns eigenen Bauplänen denkmalgerecht in den ursprünglichen Zustand zurückversetzte und die ständige Ausstellung völlig neu gestaltete.

Bei einem Besuch in Freyburg lohnt es sich auf jeden Fall, einen Abstecher zu Jahns Wohnhaus zu machen, denn das Jahn-Museum zeichnet jetzt in vier Ausstellungskomplexen anhand wertvoller Exponate ein differenziertes und interessantes Bild Jahns. Der Rundgang beginnt natürlich mit Jahn als dem Begründer des Turnens und der Turnbewegung. Jahn erscheint hier in seiner Rolle als Pädagoge. Der Rundgang wendet sich dann der Person Jahns und seinem Privat- und Familienleben zu. Hier wird der Museumsbesuch wirklich zu einem Besuch bei Turnvater Jahn. Im dritten Komplex wird Jahn der Publizist und Patriot dargestellt. Im letzten Teil geht es um das Wirken Jahns als Politiker und um die bedeutende Rolle Jahns in der deutschen Nationalgeschichte. Das Jahn-Museum in der Schloßstraße 11 ist dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr (von April bis Oktober bis 17 Uhr) geöffnet.

Beim Bummeln durch die idyllische Winzerstadt mit ihren einladenden Weinlokalen und Restaurants wird der Besucher auf zwei weitere Gebäude stoßen, die an Jahns Freyburger Zeit erinnern: Die Erinnerungsturnhalle (linkes Bild) wurde 1894 von der Deutschen Turnerschaft errichtet und enthielt in einem kleinen Zimmer das erste Jahn-Museum. Unter dem Jahn-Denkmal an der Giebelseite befand sich das erste Ehrengrab des Turnvaters. Das Museumszimmer erwies sich sehr schnell als zu klein. Deshalb ließ die Deutsche Turnerschaft schon 1903 einen stattlichen neuen Museumsbau errichten, der heute unter dem Namen Ehrenhalle (rechtes Bild) festlichen Veranstaltungen und wissenschaftlichen Kongressen als würdiger Rahmen dient, während die Erinnerungsturnhalle noch immer für ihren ursprünglichen Zweck genutzt wird. Beide Gebäude können besichtigt werden.

Der kulturbeflissene Besucher Freyburgs wird sicher auch zur Neuenburg hinaufpilgern (oder hinauffahren). Als Burg der mächtigen Landgrafen von Thüringen war sie gewissermaßen ein „Zweitwohnsitz“ der heiligen Elisabeth von Thüringen, deren Geburtstag sich heuer zum 800. Mal jährt. Die Neuenburg soll der Legende nach der Ort des Kreuzwunders gewesen sein, bei dem ein Aussätziger, den die mildtätige Elisabeth aufgenommen hatte, sich in den Gekreuzigten verwandelte – eines der vielen Wunder, die Elisabeth zu einer „Nationalheiligen“ des Mittelalters machten. Heute ist die Neuenburg natürlich ein höchst sehenswertes Museum.

Wer sich dagegen mehr zur Weinkultur hingezogen fühlt, wird vielleicht eher zur Rotkäppchen Sektkellerei pilgern. Auch sie ist eine Freyburger Sehenswürdigkeit und auch sie kann besichtigt werden.

Karl Thielecke

Das Hambacher Fest 1832

Vom 26. bis zum 28. Mai 1832 versammelten sich etwa 30.000 Menschen aus ganz Deutschland, aber auch aus Polen, Frankreich und selbst aus dem fernen England in dem kleinen Ort Neustadt an der Haardt und zogen in einem nicht enden wollenden Zug zur Burgruine Hambach hinauf. Dabei führten sie viele schwarz-rot-goldene Fahnen mit sich. Es war eine Versammlung, wie sie Deutschland noch nie gesehen hatte, eine Versammlung mit einer Vorgeschichte und mit Folgen, die bis in unsere Gegenwart wirken. Unter dem Namen "Hambacher Fest" ist dieses 175 Jahre zurückliegende Ereignis in die Geschichtsbücher eingegangen.

Die Vorgeschichte

Neustadt an der Haardt (heute "an der Weinstraße") auf dem linken Rheinufer hatte bewegte Jahre erlebt. 1797 hatten es die Franzosen besetzt und vier Jahre später sogar ihrer Republik einverleibt. Nach dem Sturz Napoleons kamen die linksrheinischen Teile der ehemaligen Kurpfalz als "bayerische Pfalz" an das noch junge Königreich Bayern. Die Franzosen hatten dort das französische Rechts- und Verwaltungswesen eingeführt, das den Bürgern Freiheiten und Rechte einräumte, die in Deutschland unbekannt waren und König Max I. Josef war weise genug gewesen, der Pfalz diese Rechte in der Verfassung von 1818 zu belassen. Sein Sohn Ludwig I., der seine nationale Gesinnung durch den Bau der Befreiungshalle bei Kelheim und der Walhalla bei Regensburg für alle sichtbar dokumentiert und 1826 in Bayern die Turnsperre aufgehoben und das Jahnsche Turnen eingeführt hatte, dieser liberale Ludwig I. hatte 1825 in seinem Reich sogar die Pressezensur abgeschafft. Trotzdem war in der Pfalz die Unzufriedenheit groß: Die Zollgrenze zwischen Bayern und dem preußisch-hessischen Zollverein riegelte die Pfalz von ihrem wirtschaftlichen Hinterland ab und die hohe bayerische Steuerlast führte zu einer Verarmung der Bevölkerung.

Die Unzufriedenen hatten in den Journalisten Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Johann Georg August Wirth zwei Sprecher gefunden, die der allgemeinen Unmut eine laute und der Münchner Regierung sehr lästige Stimme gaben. Überall in Europa gärte es und spätestens nach der Julirevolution in Frankreich (1830) begann Ludwig zu fürchten, dass das revolutionäre Gedankengut auch auf die Pfalz übergreifen könnte, und versuchte mit repressiven Maßnahmen und der Einschränkung der eben erst gewährten Pressefreiheit die Ruhe in seinem Reich zu sichern.

Das Hambacher Fest

Für den 26. Mai 1832 war aus Anlass des bayerischen Verfassungstages zu einem Fest auf das Hambacher Schloss geladen worden. Durch einen flammenden Gegenaufruf gelang es Siebenpfeiffer, das Verfassungsfest zu einem gegen die Regierung gerichteten "deutschen Nationalfest" umzufunktionieren. Der Aufruf fand einen ungeheueren, nicht erwarteten Widerhall. Nach einigem Hin und Her wurde das Fest von der Obrigkeit schließlich als "Volksfest" genehmigt.

Unter den Festbesuchern stachen besonders zwei Gruppen heraus. Die einen waren die zum Teil von weit her angereisten Burschenschafter, zwar nur eine kleine Minderheit unter den Festbesuchern, aber doch schon durch ihre Studentenmützen und Bänder auffällig. Durch ihre aktive Beteiligung an den Diskussionen bestimmten sie einen Großteil des Geschehens (1). Die anderen waren die mit besonderem Jubel begrüßten Polen, die nach dem missglückten polnischen Aufstand ihr Vaterland verlassen mussten und wie Helden begrüßt wurden. Nicht nur die Studenten, auch viele der anderen Besucher führten Fahnen in den verbotenen Burschen- und Turnerfarben Schwarz-Rot-Gold mit sich oder trugen Schärpen, Bänder und Kokarden in diesen Farben. Ein schwarz-rot-goldenes Banner wurde am 27. Mai auch auf dem höchsten Turm der Hambacher Ruine gehisst. Die Farben, die die Burschenturner schon 15 Jahre vorher beim Wartburgfest gezeigt hatten, galten seit den Tagen von Hambach im Volk als die deutschen Nationalfarben. Die Turner hielten daran auch noch in der Zeit des wilhelminischen Kaiserreiches fest.

Nach dem stundenlangen Aufstieg der Menschenmassen zur Hambacher Ruine stand der 27. Mai ganz im Zeichen der beiden Hauptredner Siebenpfeiffer und Wirth.

Siebenpfeiffer (2) forderte, dass die Deutschen sich nicht mehr wie Knechte unter das Joch ihrer Fürsten beugen sollten. Er prophezeite ein wirtschaftlich geeintes Europa, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt seien und in dem das Volk seine nationale Einheit durchsetzen werde, er schloss mit den Worten: "Hoch lebe jedes Volk, das seine Ketten bricht und mit uns den Bund der Freiheit schwört! Vaterland - Volkshoheit - Völkerbund hoch!"

Auch Wirth (3) forderte Freiheit und staatliche Einheit für das deutsche Volk. Aber er lehnte im Gegensatz zu Siebenpfeiffer jede Unterstützung durch Frankreich ab. Für den Fall eines französischen Eingreifens sagte er sogar das Zusammengehen aller Deutschen unabhängig von ihrer politischen Einstellung voraus und eine Rückgewinnung von Elsaß und Lothringen für das geeinte Deutschland. Auch Wirth beendete seine furiose Rede mit einem Hochruf: "Hoch! Dreimal hoch leben die vereinigten Freistaaten Deutschlands. Hoch! Dreimal hoch das conföderierte republikanische Europa!"

Wirths Rede wurde nach anfänglichem Staunen mit unbeschreiblichem Jubel aufgenommen. Der Heidelberger Student Karl Heinrich Brüggemann forderte die Vertreibung der fürstlichen Despoten und die Einführung der Volksherrschaft auf gesetzlichem Wege. Selbst der Ruf nach der sofortigen Einführung der Republik wurde laut.

Nach Wirths Rede entwickelte sich das Fest zu einem großen Diskussionsforum. Am folgenden Tag endete im Schießhaus vor der Stadt ein Treffen führender Demokraten mit dem Ziel, einen Nationalkonvent zu etablieren, allerdings chaotisch.

Die Folgen

Die bayerische Regierung und der Deutsche Bund reagierten auf die republikanisch-nationalen Bestrebungen mit Verfolgung und Repression: Die Karlsbader Beschlüsse wurden wieder in Kraft gesetzt, 8.500 Soldaten in die Pfalz verlegt, die führenden Persönlichkeiten des Hambacher Festes verhaftet und zum Teil jahrelang eingekerkert. Viele der bedeutendsten Köpfe, aber auch ein nicht enden wollender Strom einfacher Menschen emigrierten in die Schweiz, nach Frankreich oder in die USA. Trotzdem hörten die Unruhen nicht auf, aber erst 1848 gelang der nationalen und liberalen Opposition wieder ein Teilerfolg.

"Hambach war die größte und bedeutendste demokratische Volksversammlung des Vormärz, die erste politische Massenveranstaltung in Deutschland, der Höhepunkt einer breiten Bewegung in den deutschen Staaten, die erstmalige massenhafte Vertretung nationaler, radikaler republikanischer Forderungen sowie die erste Formulierung der Grundrechte des deutschen Volkes." (zitiert nach Lönnecker) Hambach war aber auch eine Abbildung der in Deutschland herrschenden Meinungsvielfalt, die sich aus unterschiedlichen historischen Erfahrungen speiste. Die mehrheitlich südwestdeutschen Teilnehmer hatten die "Franzosenzeit" als einen Akt der bürgerlichen Befreiung erfahren, neigten eher radikal-demokratischen Ansichten zu und betonten den Freiheitsgedanken. In den Teilen Deutschlands, die die napoleonische Besatzung als Demütigung und Unterdrückung erlebt hatten, war die Grundstimmung eher national-konservativ und mehr auf die deutsche Einheit gerichtet. Der radikale Wirth, der im oberfränkischen Hof aufgewachsen war, wurde in Hambach mit seinen antifranzösischen Ausfällen unerwartet zum Sprachrohr einer politischen Richtung, die im Ernstfall die Einheit über die Freiheit stellte. (Man hört in ihm an dieser Stelle geradezu den Turnvater Jahn, der später denn auch aus seiner Freyburger Verbannung gegen die "verhambacherte Jugend" wetterte.)

Das Hambacher Fest fand lange Zeit in der Geschichtsschreibung wenig Beachtung. Erst in den 1970er Jahren wurde es als ein wichtiger Erinnerungsort entdeckt und in seiner Bedeutung als ein Meilenstein auf dem Wege zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland angemessen gewürdigt.

Karl Thielecke


Anmerkungen

(1) Einen sehr lesenswerten Bericht über das Hambacher Fest aus burschenschaftlicher Sicht liefert Harald Lönnecker (www.jahn-museum.de >> Bibliothek)

(2) Die Rede Siebenpfeiffers findet sich unter www.jahn-museum.de >> Bibliothek

(3) Die (gekürzte) Rede Wirths findet sich unter www.jahn-museum.de >> Bibliothek

Gruß vom Turnfest

Vor zwei Jahren fiel dem Verfasser die abgebildete Reproduktion einer Turnfest-Grußkarte in die Hände. Sie soll aus der Zeit um 1900 stammen. Für welches Turnfest sie hergestellt wurde, hat der Verleger nicht angegeben. Die vorliegende Karte ist aber ein ganz typisches Stück. Ähnliche Karten tauchen in Antiquariaten gar nicht so selten auf. Meist verwenden sie jedoch erkennbare Motive der Turnfeststadt und lassen sich so genauer einordnen.

Der Zeichner unserer Karte gehörte offenbar nicht zu den begnadeten Meistern seines Faches: die Komposition ist eher schlicht zu nennen. Sie ist dreiteilig angelegt: Links dominiert der stolze Turner mit seiner schwarz-rot-goldenen Fahne und Schärpe den Bildaufbau, rechts sieht man zwei "Szenen", die eine über der anderen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich bei dem oberen Bildchen gar nicht um eine Szene, also die Darstellung eines Geschehens handelt, sondern dass hier nur typische Bildmotive nebeneinander gereiht sind, die für die damaligen Betrachter die Vorstellung von Turnen und Turnfest assoziierten. Uns dagegen erlauben sie den Blick in eine uns fremd gewordene turnerische Welt. Zunächst einmal fällt sofort auf, dass das Turnen an Geräten damals noch eine Freiluftaktivität war und auf einem Turnplatz stattfand. Wenn man das heute erleben will, muss man sich schon in die Jahnstadt Freyburg an der Unstrut bemühen, wo diese Tradition noch immer aufrecht erhalten wird. Am 18./19. August 2007 findet dort, wie alle Jahre, das 85. Jahn-Turnfest, natürlich wieder im Freien, statt. Das Turnen an Reck, Barren und Seitpferd erkennen wir gleich wieder, aber für die Turner um 1900 gehörte das schwingenden Trapez und das Springen mit dem Stab offensichtlich auch zum turnerischen Repertoire - wobei es beim Stabspringen weniger um die Höhe als um die "echt turnerische Haltung" zu gehen scheint.

Besonders interessant ist der sechste Turner, der mit der Hantel. Die versierten Wilhelm-Busch-Leser werden sich hier vielleicht an den "Turner Hoppenstedt" erinnern, mit dem Wilhelm Busch liebenswürdig-ironisch das Turnen seiner Zeit auf die Schippe nahm (1). Die allseitige körperliche Ausbildung der damals noch fast ausschließlich männlichen Turner war um 1900 ein wichtiges turnerisches Anliegen. Das Thema war für das Turnen offenbar so typisch, dass es unser Zeichner in der linken unteren Ecke gleich noch einmal aufgreift, indem er die Hantel, das Gewicht und den schweren eisernen Stossstein in die Komposition einfügt. Der DTB hat sich irgendwann von diesem "altmodischen" Aspekt der turnerischen Arbeit getrennt, mit dem Ergebnis, dass das traditionelle Männerturnen fast völlig zum Erliegen gekommen ist - und die Fitness-Studios dort weitermachen können, wo die Turner das Feld geräumt haben.

Vor diesem Hintergrund wird dann gleich auch klar, dass das untere Bildchen mit dem Turnerumzug auch keine "Szene", sondern die Darstellung eines traditionellen Bestandteils der Turnfeste mit großem Wiedererkennungswert ist. Nicht fehlen durfte bei einem Turnfest auch das Bild des "Turnvaters Jahn", zu dem sich die damaligen Turner, im Gegensatz zur heutigen DTB-Führung, ganz selbstverständlich bekannten. Es ist hier mit Eichenlaub bekränzt und stellt den Turnvater als den "Alten im Bart" dar. Er trägt die von ihm selbst erfundene altdeutsche Tracht. Mit in die Darstellung hineinkomponiert sind wichtige turnerische Symbole: Das in rot und weiß gehaltene Vier-F-Wappen der Turner, der Turnergruß "Gut - Heil!" und das Eichenlaubmotiv, das nicht nur zur Bekränzung des Jahn-Bildes und als Siegerkranz dient, sondern sehr auffällig auch die linke untere Ecke füllt. Die Eiche galt damals als der nationale Baum der Deutschen und die "Deutsche Eiche" hat sich bis heute in den Namen vieler der damals gegründeten Turnvereine gehalten, wie etwa beim TB "Deutsche Eiche" Regenstauf von 1893 (in Bayern), beim TV "Deutsche Eiche" Holzminden von 1894 (in Niedersachsen) oder beim TV "Deutsche Eiche" Bottrop-Eigen von 1909 (in Nordrhein-Westfalen).

Das auffälligste Element der Komposition indes ist links der Turner mit seiner Fahne, der schon aufgrund seiner Größe das ganze Bild beherrscht. Wer aber die uns so vertraute schwarz-rot-goldene Fahne für das Zeichen eines bei den Turnern besonders verbreiteten Patriotismus hält, der hat die Botschaft nicht verstanden (2). Als diese Turnfestkarte um 1900 versandt wurde, da waren die Farben des deutschen Reiches Schwarz-Weiß-Rot! Schwarz-Rot-Gold hingegen, das waren die Farben der Lützower Jäger und der Burschenturner; die Farben, die vor 175 Jahren beim Hambacher Fest erstmals in größerer Zahl mitgeführt wurden und das Streben nach Freiheit, Bürgerrechten und nationaler Einheit symbolisieren sollten; das waren die Farben der Frankfurter Nationalversammlung und der Revolution von 1848. Schwarz-Rot-Gold war eines der mächtigsten Symbole der Turnbewegung. Indem die Turner um 1900 diese im Kaiserreich verpönten Farben zeigten, stellten sie sich trotz ihrer Kaisertreue demonstrativ in die liberale und demokratische Tradition der frühen Turnbewegung und mahnten, wie Jahn nach den Befreiungskriegen oder die Turner bei der Einweihung des Jahn-Denkmals auf der Hasenheide (3), die noch immer nicht voll erreichte Teilhabe der Bürger am Staat an.

Dass nach dem zweiten Weltkrieg beide deutsche Staaten diese Farben für ihre Fahne wählten, ist ein bewusster Rückgriff auf diese frühe demokratische Tradition, an deren Ausbildung die Turner einen so maßgeblichen Anteil hatten. Die Wahl dieser Farben nach dem zweiten Weltkrieg unterstreicht demonstrativ auch den Wunsch nach Wiedererlangung der nationalen Einheit, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Ursache für das Entstehen der Turnbewegung überhaupt war. Das Schwarz-Rot-Gold der Turner ist das Symbol einer Tradition, zu der auch wir Turner von heute uns ohne wenn und aber bekennen können.

Diese historischen Zusammenhänge werden allen denen kaum bewusst gewesen sein, die im letzten Sommer in der Euphorie der Fußball-Weltmeisterschaft mit diesen Farben auf die Straßen gegangen sind. Auch der Aufruf zu mehr Patriotismus, mit dem die Bundeskanzlerin sich bei ihrem Amtsantritt an die deutsche Öffentlichkeit gewendet hat, dürfte nicht der Grund für den unerwartet unverkrampften Umgang der deutschen Öffentlichkeit mit unseren Nationalfarben gewesen sein. Vielleicht zeigen beide Ereignisse im Zusammenhang aber, dass die Zeit für eine Neubewertung der deutschen Geschichte, auch im DTB, gekommen ist und dass unser Geschichtsbewusstsein sich nicht allein und für immer aus den zwölf schlimmen Jahren des Dritten Reiches speisen muss.

Karl Thielecke


Weiterführende Lektüre:

(1) Wilhelm Busch: Folgen der Kraft

(2) Dr. Hans-Jürgen Schulke: Zwischen Design und Bewusstsein - bewegende Spurensuche nach Schwarz-Rot-Gold in: www.jahn-museum.de >> Pressedienst

(3) Prof. Dr. Dieter Langewiesche: Turnen und Nationalbewegung im 19. Jahrhundert in: www.jahn-museum.de >> Bibliothek

Johann Christoph Friedrich GutsMuths "Gymnastik ist Arbeit im Gewand jugendlicher Freude" (Kurzversion)

Geschichtslosigkeit wird in Deutschland seit 1945 planvoll gepflegt und so ist auch der Name Johann Christoph Friedrich GutsMuths heute (fast) vergessen, obwohl ihn doch manche für den "Großvater" des deutschen Turnens hielten und er unzweifelhaft einer der großen Wegbereiter in der Geschichte der Leibeserziehung, ja der Pädagogik überhaupt war.

Johann Christoph Friedrich GutsMuths wurde am 9. August 1759 in Quedlinburg in einer Zeit geboren, in der der leibfeindliche Einfluss der Kirchen und das Vorbild Frankreichs zu einer ungesunden Verweichlichung der gebildeten Stände geführt hatten. Schon im Alter von vierzehn Jahren musste GutsMuths eine Hauslehrerstelle annehmen und entwickelte so sein lebenslanges Interesse an pädagogischen Fragen. Nach dem Besuch der Universität Halle (1779 - 1782), wo er sich zur Vorbereitung auf den Lehrberuf neben Theologie intensiv mit Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und neueren Sprachen beschäftigt und die bedeutendsten zeitgenössischen Pädagogen studiert hatte, nahm GutsMuths die Stelle eines Erziehers an der von Christian Gotthilf Salzmann nach Dessauer Vorbild neu gegründeten Schule in Schnepfenthal an. (Das Dessauer Philanthropin war eine reformpädagogische Schule, an der unter anderen Neuerungen erstmals in der Neuzeit auch Gymnastik Lehrfach war.)

GutsMuths übernahm die Gymnastik in Schnepfenthal und entwickelte sie in intensiver Arbeit zu einem durchdachten System der Körperbildung mit dem ausdrücklichen Anspruch, dadurch nicht nur zur körperlichen Ertüchtigung sondern auch zur geistigen, moralischen und charakterlichen Bildung der Jugend beizutragen. Er veröffentlichte 1793 die Ergebnisse seiner Arbeit in seinem zum Klassiker gewordenen Buch Gymnastik für die Jugend, das ihn (und Schnepfenthal) berühmt machte und in acht Sprachen übersetzt zum "Bestseller" und Exportschlager wurde. In der zweiten Auflage der Gymnastik sprach sich GutsMuths - auch eine Weltneuheit - schon für den Gymnastikunterricht für Mädchen aus. Der Versuch, Gymnastik zum Pflichtfach an preußischen Schulen zu machen, scheiterte, aber schon 1828 wurde Gymnastik nach GutsMuths'schem Vorbild obligatorisches Unterrichtsfach in Dänemark.

Auch mit seinem zweiten Hauptwerk Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes (1796), der ersten deutschen Spielesammlung unter pädagogischem Aspekt, betrat GutsMuths Neuland. Dieses Buch wurde ebenfalls zu einem einflussreichen "Bestseller" und "Longseller", der noch viele Jahre nach GutsMuths Tod in immer neuen Auflagen erschien. Sein drittes Grundwerk auf dem Gebiet der Leibeserziehung ist sein Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst zum Selbstunterricht (1798). An der darin empfohlenen "Angel" haben unzählige Kinder das Schwimmen gelernt.

Ab etwa 1800 beschäftigte sich GutsMuths intensiv mit seinem zweiten Spezialthema, der Geographie, und veröffentliche zahlreiche Bücher und Aufsätze. Auch als Geograph ging GuthsMuths neue und richtungweisende Wege und übte damit einen prägenden Einfluss auf seinen Schüler Carl Ritter aus, der als Begründer der Hochschulgeographie später selbst ein berühmter Geograph wurde. Daneben war GutsMuths auch noch der Herausgeber der führenden deutschen pädagogischen Zeitschrift Bibliothek der Pädagogischen Literatur (später Neue Bibliothek für Pädagogik, Schulwesen und die gesamte neueste pädagogische Literatur Deutschlands), für die er von 1800 - 1819 insgesamt 53 Bände redigierte.

GutsMuths nahm 1789 offen für die Französische Revolution und die Proklamation der Menschenrechte Partei und wurde dafür unter Zensur gestellt. Nach der Völkerschlacht von Leipzig (1813) wandelte er sich zum glühenden Patrioten und schrieb 1814 Über vaterländische Erziehung. Unter dem Einfluss Jahns versuchte er mit Turnbuch für die Söhne des Vaterlandes (1817) und Katechismus der Turnkunst (1818) eine Synthese zwischen Jahns Turnen und seiner Gymnastik. Jahn und GutsMuths begegneten sich mit großem Respekt. Jahn nennt GutsMuths einen "echten Vaterlandsfreund" und dankt ihm ausdrücklich als seinem "Vorarbeiter", während GutsMuths dem "kräftigen Jahn" das "große Verdienst der unmittelbaren Einführung" des Turnens zuspricht. Gemeinsam legten beide das Fundament, auf dem wir heute stehen.

GutsMuths starb am 21. Mai 1839 im Alter von fast achtzig Jahren nach einem langen und fruchtbaren Leben im Dienste der Jugend. Es war ein Leben, das ihm einen bleibenden Platz in der Geschichte der Leibesübungen, der Geographie und der Pädagogik - und hoffentlich auch in unserer Erinnerung - sichert.

Karl Thielecke, 26.11.2006