Pressedienst

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Johann Christoph Friedrich GutsMuths "Gymnastik ist Arbeit im Gewand jugendlicher Freude" (Langversion)

Geschichtslosigkeit wird in Deutschland seit dem Ende des unseligen Dritten Reiches planvoll gepflegt. Wer gestern war, gilt heute nichts - was zählt, ist nur das Hier und Jetzt. Auch der Name Johann Christoph Friedrich GutsMuths ist (fast) vergessen, obwohl ihn doch manche für den "Großvater" des deutschen Turnens hielten und er unzweifelhaft einer der großen Wegbereiter in der Geschichte der Leibesübungen und der Leibeserziehung, ja der Pädagogik überhaupt war.

Die frühen Jahre

Johann Christoph Friedrich GutsMuths wurde am 9. August 1759 in Quedlinburg geboren, das seit 1698 zum rückständigen Brandenburg gehörte, wo noch die Erbuntertänigkeit des Bauerntums herrschte und das Bürgertum unter dem Einfluss von Aufklärung und Rationalismus erst langsam begann, sich aus der Dumpfheit kirchlicher Bevormundung zu befreien. Eine Facette dieser Bevormundung war die kirchliche Leibfeindlichkeit, die, verstärkt durch das allgegenwärtige französische Vorbild, zu einer allgemeinen körperlichen Verweichlichung der gebildeten Stände führte.

Der kleine Gymnasiast wurde streng protestantisch erzogen und, so wie es damals üblich war, angehalten, den größten Teil des Tages in seiner Studierstube über seinen Büchern zu verbringen statt seinen jugendlichen Bewegungsdrang im Freien auszuleben.

Der Tod des Vaters (1773) zwang den erst Vierzehnjährigen neben dem Schulbesuch die Stelle eines Hauslehrers in der Familie Dr. F. W. Ritters anzunehmen. In dieser Zeit erwachte sein Interesse an erzieherischen Fragen, das seinen weiteren Lebensweg bestimmen sollte.

1779 immatrikulierte sich GutsMuths an der theologischen Fakultät der Universität Halle, damals der klassische Studien-gang für angehende Lehrer. Er nutzte seine Studienzeit bis 1782, um sich zur Vorbereitung auf den geplanten Erzieherberuf intensiv mit Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und neueren Sprachen zu beschäftigen und die bedeutendsten Autoren der zeitgenössischen pädagogischen Literatur zu studieren. Jean-Jacques Rousseaus Bildungsroman Emile und die Schriften der deutschen Philanthropen um Basedow und Salzmann beeindruckten ihn tief.

Anstellung in Schnepfenthal

Nach dem Studium setzte GutsMuths seine Hauslehrertätigkeit in Quedlinburg fort, nach dem Tod Dr. Ritters sogar unent-geltlich. Als 1785 die Ritter'schen Söhne Johannes und der erst fünfjährige Carl Zöglinge an der Salzmann'schen Erzie-hungsanstalt in Schnepfenthal wurden, lernte GutsMuths den verehrten Christian Gotthilf Salzmann persönlich kennen. Er nahm dessen Einladung an, als Erzieher an der neu gegründeten Schule in Schnepfenthal zu bleiben und unterrichtete dort über 50 Jahre lang bis kurz vor seinem Tod im Alter von fast 80 Jahren.

Salzmann hatte am Dessauer Philanthropin unterrichtet, das von dem radikalen Reformpädagogen Johann Bernhardt Ba-sedow als menschenfreundliche, kindorientierte Schule gegründet worden war und in der erstmals in der Neuzeit statt der bis dahin üblichen körperlichen Züchtigung die körperliche Ertüchtigung als Mittel der Charakterbildung Anwendung finden sollte. Salzmann setzte die philanthropischen Prinzipien Basedows in Schnepfenthal musterhaft um. An die Stelle des strengen und oft stumpfsinnigen Lernens sollte eine mühelose und freudvolle Aneignung des Stoffes durch Selbsttätigkeit treten und durch eine sorgfältige Pflege des Leibes eine gesunde und kräftige Entwicklung der Zöglinge gesichert werden. In Schnepfenthal übernahm Salzmann den täglichen (!) Gymnastikunterricht nach Dessauer Vorbild selbst.

GutsMuths unterrichtete zunächst Geographie, Geschichte und Französisch. In diese Zeit fällt sein schriftstellerisches Erstlingswerk Zusammenkünfte am Atlas zur Kenntnis der Länder, Völker und Sitten, herausgegeben für die Jugend, in dem sich schon ein neues Verständnis des Geographieunterrichts ankündigt.

Gymnastik für die Jugend

Im folgenden Jahr (1786) übertrug Salzmann seinem jungen Kollegen die Gymnastik. Die Inhalte und den Namen der Des-sauer Gymnastik hatte Basedow (der eigentliche "Großvater" der modernen Leibesübungen!) von den Griechen entlehnt. Ihre Kerninhalte waren in den fünf Grundübungen des "Dessauer Pentathlons" zusammengefasst, nämlich Laufen, Sprin-gen, Klettern, Balancieren und Tragen. Dieses waren auch die Inhalte der Salzmann'schen Gymnastik, die GutsMuths zunächst übernahm. In den nächsten sieben Jahren mehrte er durch intensive Lektüre der antiken Schriftsteller, durch Sammlung volkstümlicher deutscher Übungen und durch viele eigene Versuche die Inhalte seinen Unterrichts und ordnete sie zu einem durchdachten System der Körperbildung mit dem ausdrücklichen Anspruch, mit seiner Gymnastik nicht nur zur körperlichen Ertüchtigung sondern auch zur geistigen, moralischen und charakterlichen Bildung der Jugend beizutragen.

GutsMuths veröffentlichte die Ergebnisse seiner Arbeit 1793 in seiner zum Klassiker gewordenen Gymnastik für die Jugend. Dieses bahnbrechende Werk machte GutsMuths (und Schnepfenthal) berühmt. Mitglieder des hohen Adels und bedeuten-de Persönlichkeiten des geistigen Lebens, wie die Dichter Wieland, Goethe und Kotzebue, besuchten ihn und wohnten seinem Unterricht bei. Auch der nachmalige "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn hospitierte bei ihm.

In seinem Buch rechnet GutsMuths mit der verfehlten Erziehungsweise seiner Zeit ab, die zu Schwächlichkeit und Ver-weichlichung führt. Er begründet den Nutzen der neuen Gymnastik für Körper und Geist und verteidigt sie zugleich gegen mögliche Einwände. Dann folgt unter dem Leitsatz "Gymnastik ist Arbeit im Gewande jugendlicher Freude" eine ausführli-che Darstellung des Übungsgutes seiner erneuerten Gymnastik. Zu den beschriebenen acht Übungsgruppen gehören neben Schnell-, Dauer- und Geländelaufen, Springen und Werfen auch Ringen, Klettern und Balancieren und sogar militäri-sche Übungen. Der dritte Teil umfasst unter anderem Baden und Schwimmen, Übung der Sinne, allgemeine methodische Anweisungen und eine Übersicht der Übungen "nach den Hauptteilen des Körpers".

Die Gymnastik für die Jugend wurde ein "Bestseller" und Exportschlager. Sie wurde in acht Sprachen übersetzt - selbst in Amerika erschien eine Ausgabe - und in einer von Franz Nachtegall "dänisierten" Form bereits 1828 an allen Schulen Dänemarks als Pflichtfach eingeführt.

Neun Jahre später überarbeitete GutsMuths auf der Grundlage seiner inzwischen gesammelten Erkenntnisse seine Gym-nastik für die Jugend noch einmal gründlich. Die zweite Auflage erschien 1804 und enthielt, als Weltneuheit, die Empfeh-lung, auch die Mädchen nicht von der Gymnastik auszuschließen. GutsMuths übersandte dem preußischen Unterrichtsmi-nister sein neu gefasstes Buch und regte an, die Leibesübungen zum Unterrichtsfach zu erheben. Obwohl er für seinen Vorschlag in dem Freiherrn von Stein einen Befürworter fand, wurde daraus nichts.

Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes und andere Schriften

Das zweite Hauptwerk GutsMuths sind seine Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes (1796). Auch mit dieser umfangreichen Sammlung von "Bewegungs- und Ruhespielen" betrat GutsMuths Neuland. "Spiele sind Blumenbän-der, durch welche man die Jugend an sich fesselt", schrieb er in der Vorrede, aber obwohl er überzeugend den pädagogi-schen und körperbildenden Wert der Spiele herausarbeitete, stieß sein Buch zunächst auf wenig Verständnis. Später wur-den die Spiele dann aber doch zum "Bestseller" und "Longseller". (Noch fünfzig Jahre nach GutsMuths Tod besorgte Rudolf (!) Lion, der Vorsitzende des Bayerischen Turnerbundes, 1893 in Hof eine achte Auflage.) Später (1802) verfasste Guts-Muths noch ein kleines Spielebuch für die Jugend.

Das dritte Grundwerk GutsMuths auf dem Gebiet der Leibeserziehung ist sein Kleines Lehrbuch der Schwimmkunst zum Selbstunterricht (1798). "Bisher ist das Ertrinken Mode gewesen, weil das Schwimmen nicht Mode ist", schrieb er und ent-wickelte in seinem Büchlein eine Methode für den Schwimmunterricht, die sich lange in der Praxis hielt. Vor allem mit der von ihm empfohlenen "Angel" haben unzählige Kinder das Schwimmen gelernt.

Mit seinen Mechanische Nebenbeschäftigungen für Jünglinge und Männer, einer Schrift zum Werkunterricht, die ursprüng-lich als Anhang zu seiner Gymnastik gedacht war, schloss GutsMuths 1801 zunächst seine Veröffentlichungen zu Themen der Leibeserziehung ab.

GutsMuths als Geograph und Publizist, "Revolutionär" und Patriot

Die Zeit um die Jahrhundertwende bedeutete für GutsMuths auch einen tiefen Einschnitt in seinen privaten Verhältnissen. 1797 heiratete der damals schon 38jährige die viel jüngere Sophie Eckardt, mit der er acht Söhne und drei Töchter hatte.

Ab etwa 1800 beschäftigte sich der immens fleißige und produktive GutsMuths wieder zunehmend mit seinem zweiten Spezialthema, der Geographie, und veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze. Die Summe seiner reichen Erfahrungen als Geographielehrer fasste er 1835 in seinem Spätwerk Versuch einer Methodik des geographischen Unterrichts zusam-men.

GutsMuths ging auch als Geograph neue und richtungweisende Wege. Er ersetzte die trockene Aneignung von Fakten durch eine Betrachtungsweise, bei der er die Zusammenhänge zwischen Landschaft, Klima, Vegetation, Menschen, Wirt-schaft usw. herauszuarbeiten suchte. Damit übte er einen prägenden Einfluss auf seinen Schüler Carl Ritter aus, der als Begründer der Hochschulgeographie selbst einmal ein berühmter Geograph wurde. Das GutsMuths-Denkmal in Quedlin-burg zeigt GutsMuths mit dem kleinen Carl beim Aufbruch nach Schnepfenthal.

Zusätzlich zu all diesen wissenschaftlichen Arbeiten und seinen schulischen Verpflichtungen übernahm Johann Christoph Friedrich GutsMuths auch noch die Herausgeberschaft für die Zeitschrift Bibliothek der Pädagogischen Literatur, die später unter dem Titel Neue Bibliothek für Pädagogik, Schulwesen und die gesamte neueste pädagogische Literatur Deutschlands erschien. Zwischen 1800 und 1819 redigierte er insgesamt 53 Bände, in denen die angesehensten und progressivsten zeitgenössischen Pädagogen und führende Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens ihre Gedanken zu pädagogi-schen Fragen veröffentlichten. Viele der schon damals diskutierten Themen klingen auch heute noch sehr aktuell!

Auch in der Abgeschiedenheit des Thüringer Waldes nahm GutsMuths regen Anteil an den politischen Umwälzungen der Zeit. Für die Französische Revolution und die Proklamation der Menschenrechte ergriff er offen Partei, woraufhin er vorü-bergehend unter Zensur gestellt wurde. Ohne von den Prinzipien der Revolution abzurücken, wurde GutsMuths unter dem Eindruck der Völkerschlacht von Leipzig (1813) dann doch zum glühenden Patrioten. 1814 veröffentlichte er in seiner Zeit-schrift den wichtigen Artikel Über vaterländische Erziehung. Nach den Befreiungskriegen wendete sich GutsMuths unter dem Einfluss Friedrich Ludwig Jahns auch noch einmal seinem alten Thema zu. Im Turnbuch für die Söhne des Vaterlan-des (1817) und dem Katechismus der Turnkunst (1818) versuchte er eine Synthese zwischen Jahns Turnen und seiner Gymnastik.

GutsMuths und Jahn

GutsMuths Gymnastik für die Jugend erschien schon 17 Jahre vor der Eröffnung des Jahn'schen Turnplatzes auf der Ha-senheide. Manche nannten GutsMuths deshalb den "Großvater" des deutschen Turnens. Aber so einfach ist die Urheber-frage nicht - und da war ja auch noch Basedow!

Es ist richtig, dass Jahn 1807 bei GutsMuths hospitierte. Er hat sowohl GutsMuths Gymnastik als auch die Spiele genau studiert und daraus reichen Gewinn für seine Arbeit gezogen und das nie verheimlicht. In Deutsches Volksthum nannte er GutsMuths einen "echten Vaterlandsfreund", der als einziger (und damit als erster!) "ein treffliches Lehrbuch [über Leibes-übungen] geliefert" habe. In der Vorrede von Die deutsche Turnkunst dankt er ausdrücklich seinem "Vorarbeiter Guts-Muths".

Auch GutsMuths, dem 1804 die Einführung der Gymnastik als obligatorisches Schulfach nicht gelungen war, empfand gegenüber dem erfolgreicheren Jahn keine Neidgefühle. Im Gegenteil: Der einstige "Vorarbeiter" trat mit seinem Turnbuch für die Söhne des Vaterlands (1817) sogar in Jahns Fußstapfen und würdigt dort großzügig Jahns Leistung: "Was damals unmöglich wurde, gelang späterhin dem kräftigen Jahn. Er trug 1810 die wiedererweckte Gymnastik nach Berlin. … Dem Wackeren fügte sich die glückliche Stunde; ihm gebührt das große Verdienst der unmittelbaren Einführung der gymnasti-schen Übungen, denen er den Namen Turnübungen gab…,"

Unzweifelhaft ist, dass beide die Fundamente gelegt haben, auf denen wir heute bauen.

Epilog

Am 21. Mai 1839 starb Johann Christoph Friedrich GutsMuths nach einem nur dreimonatigen Ruhestand im Alter von fast achtzig Jahren. Es war ein langes und fruchtbares Leben im Dienste der Jugend; ein Leben, das ihm einen bleibenden Platz in der Geschichte der Leibesübungen, der Geographie und der Pädagogik - und hoffentlich auch in unserer Erinne-rung - sicherte.

Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Schnepfenthaler Waldfriedhof unweit seines Gymnastikplatzes. Das Grab hat die Zeiten überdauert und kann besucht werden.

Karl Thielecke, 26.11.2006